»Verzeihung, Herr Präsident, würden Sie es nicht für besser halten, wenn Sie zunächst Ihre werten Damen über den Zweck meines Besuchs aufklärten?«
»Da haben Sie recht, liebes Fräulein. Wenn Sie mich also einen Augenblick beurlauben wollen ...?«
Nur wenige Minuten blieb Asta allein. Dann flogen zwei schlanke Mädels herein, in Balltoilette, mit glühenden Backen, glänzenden Augen, in denen die Angst um den Bruder und dabei doch auch brennende Neugier und gespannte Erregung standen, und stellten sich mit befangenen Knixen vor. Achtzehn und zwanzig mochten sie sein, die ältere dem Vater und Bruder wie aus den Augen geschnitten; die jüngere, ein munteres, molliges Ding, das Ebenbild der Mutter, wie sich alsbald herausstellte, als nun auch die rundliche Frau Präsidentin auf der Bildfläche erschien. Und alsbald saß Asta mit Valentin Pilgrams Mutter und Schwestern unter der Hängelampe eines altmodisch-behaglichen Speisezimmers. Man stopfte sie mit Butterbrot und Süßigkeiten, man fragte sie aus nach tausend Dingen, von denen sie keine Ahnung hatte.
Während dessen hatte sich der Präsident entfernt, kam nach ein paar Minuten zurück.
»So, mein gnädiges Fräulein, ich habe mir die Sache überlegt. Ich werde jetzt gleich zum nächsten Telegraphenamt gehen und eine dringliche Depesche an die Leipziger Polizei aufgeben. Hören Sie, was ich aufgesetzt habe:
'Königl. Kreishauptmannschaft Leipzig! Morgen früh soll dort Pistolenduell zwischen meinem Sohn Valentin und Stud. Hans Thumser stattfinden. Ort und Zeit unbekannt. Abreise sofort, um selbes zu verhindern. Ankomme 5.29 dort Dresdener. Erbitte Unterstützung, womöglich berittenen Gendarmen, am Bahnhof.
Pilgram,
Senatspräsident am Oberlandesgericht.'
So, ich nehme an, daß man einem königlichen Beamten meines Ranges in angemessener Weise entgegenkommen wird. Wenn die Polizei einigermaßen ihre Pflicht und Schuldigkeit tut, so kommen die jungen Herren morgen früh überhaupt nicht aus ihrer Bude heraus, sondern werden gleich mit Beschlag belegt. Sollte aber wider alles Erwarten die Sache nicht klappen, so sind wir ja da!«
»Ja, aber um Gottes willen, Herr Präsident,« meinte Asta, »wir haben doch keine Ahnung, wo die schreckliche Geschichte eigentlich vom Stapel gehen soll — wie wollen Sie das denn herauskriegen?«
»Ja, Papachen, wie willst Du das nur herauskriegen?« echoten die Töchter.
»Liebe Kinder, ich war doch selbst mal in dem Geschäft. Gebt acht: Wenn man sich schlagen will, geht man nicht zu Fuß heraus, sondern bestellt sich einen Wagen. Wenn man aber Korpsstudent ist, so hat man für diesen Wagen eine ganz bestimmte Bezugsquelle: das Korps nimmt nämlich seinen Wagen immer bei ein und demselben Fuhrwerksbesitzer, der ihm Vorzugspreise gewährt. Den Namen aber des Wagenlieferanten der Franconia, den kenne ich leider nur zu genau. Oder soll ich jetzt sagen: glücklicherweise? Ich habe nämlich am Schluß des vorigen Semesters für unseren guten Valentin noch eine ganz erkleckliche Wagenrechnung berappen müssen ... Der gute Mann wohnt in der Nähe des Bayrischen Bahnhofs, an ihn also wenden wir uns zunächst und versuchen herauszubekommen, wohin die Fahrt gehen soll.«