»Weißt Du, Thumser, vor einer solchen Affäre ist das einzig Richtige, sich so zu betragen, als sei gar nichts Besonderes los. Um Gottes willen, bloß sich nicht hinsetzen und ein halbes Dutzend Abschiedsbriefe schreiben: an die Eltern, an den Schatz, an die Erbtante, und wer weiß an wen sonst noch. Das hat ja gar keinen Zweck. — Mein Gott, so'n bißchen Knallerei! Ja, wenn Du jedesmal Dein Testament machen wolltest, wenn Du Dich in Lebensgefahr begibst, dann müßtest Du es von Rechts wegen machen, so oft Du vor die Tür gehst! Ueberall kann Dir ein Dachziegel auf den Schädel fallen. Und wenn Du in Deiner Bude und im Bette bleibst, kann schließlich die Decke einstürzen ...«
Des Korpsbruders rheinischer Leichtsinn hatte Hans Thumser über die Abendstunden hinweggeholfen. Man war auf der Kneipe gewesen, hatte Quodlibet gespielt und den blödesten Bierulk betrieben. Dann hatte Volkner ihn mit auf seine Bude geschleift, ihm großmütig sein Bett abgetreten und sich dann selber auf dem Kanapee einlogiert. Von dort herüber drang jetzt sein melodisches Schnarchen. Na ja, der hatte gut schnarchen!
Vorher aber, vor dem Einschlafen, hatten die zwei noch einen besonderen Trall ausgeheckt: Volkner hatte seine Geige genommen, und beide waren sie vor die Kammertür von Volkners bejahrter Hauswirtin gezogen und hatten ihr ein Ständchen gebracht, indem sie zu sanft hinschmelzender Violinbegleitung das schöne Lied gesungen hatten:
Seh ich ein Haus von weitem,
Wo ein lieb Mädel träumt,
Sing ich zu allen Zeiten
Ein Lied ihr ungesäumt.
Und wird's im Fenster helle,
Sei es auch noch so spat:
So weiß ich auf der Stelle
Wieviel's geschlagen hat.
Erst als die Pantoffeln der Alten von drinnen gegen die Tür knallten, hatten sie Ruhe gegeben und waren dann beide auch sofort eingeschlafen.
Volkners Bude befand sich im ersten Stock des Hauses, das an der Kleinen Fleischergasse dem Cafébaum direkt gegenüber lag. Und der Lichtschein der Laterne, die neben dem Eingang des Restaurants stand, war es, der Hans Thumser geweckt hatte. Er tastete nach seiner Taschenuhr und stellte im matten Reflex des Deckenlichts fest, daß es zwei Uhr war.
Auf halb fünf war der Korpsdiener zum Wecken, auf viertel sechs der Wagen bestellt. Um viertel sieben sollte der erste Schuß fallen ... also noch zwei und eine halbe Stunde Schlaf und vielleicht noch vier und eine viertel Stunde zu leben ...
Die ganze vorige Nacht hindurch hatte Hans Thumser wie ein Sack geschlafen. Die nötige Bettschwere hatte er sich ja schon vor dem Zusammenstoß mit Pilgram angezecht. Der gestrige Tag war in beständiger Unrast hingegangen, und so kam jetzt in nächtlicher Stille zum erstenmal Ordnung in den Wirrwarr der Gedanken, die um das Schicksal der kommenden Morgenstunde flatterten.
Also sterben vielleicht ... und warum denn eigentlich? Nun, die Antwort war sehr einfach: Ein anderer war Hansens Ehre zu nahe getreten, hatte ihn tätlich aufs schwerste beleidigt, dafür galt es eben die standesübliche Sühne zu fordern.
Schön! Das klang ja ganz vernünftig. Aber schließlich ... eine Beleidigung hatte doch irgendeinen Grund, ein Motiv. Was hatte er Pilgram denn eigentlich zuleide getan? Was hatte er begangen, daß Pilgram ihn wie einen ehrlosen Buben behandelt hatte? Nun, das eine war ja klar: Pilgram war eifersüchtig, er bildete sich ein, er selber, Hans Thumser, sei sein Nebenbuhler bei Jucunda, und zwar ein begünstigter. Ein begünstigter? Ach, du lieber Gott ...!