Mißverständnisse und Irrtümer ließen sich aufklären — die Tat war nicht ungeschehen zu machen. Der Kavalier, der von einem Kavalier einen Schlag erhält, muß blutige Sühne fordern. Das war das eiserne Gebot des Ehrenkodex, daran war nicht zu deuteln noch zu rütteln.

Und dann — wer mochte den ersten Schritt tun? Machte der sich nicht verdächtig, als sei es nur die Angst vor der blauen Bohne, die ihn zur Aussöhnung geneigt machte? Würde man ihn nicht der Kneiferei zeihen?

Der Kneiferei? Nun, wer vierzehn Schlägermensuren mit Ehren bestanden hatte, brauchte der sich vor dem Verdacht der Kneiferei zu fürchten?

Halt! So eine Knipserei, das war doch was andres als das bissel Bestimmungsmensur mit Binden und Bandagen.

Nein, da war nichts zu wollen, dafür war man Korpsstudent! Der andere, der war an allem schuld. Der hätte die Aussprache herbeiführen müssen vor der Tat. Daß er dem Freund, dem Korpsbruder aus drei Semestern eine ehrlose Gesinnung überhaupt zugetraut, das war die eigentliche Beleidigung, das war die Schmach, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Die Worte, die Handlungen, die aus dieser abscheulichen Unterstellung erwachsen waren, die waren schließlich nichts anderes als der zufällige Ausdruck für einen Verdacht, der auch ohne Wort und Schlag ins Herz der Ehre traf.

Nein, es gab keinen anderen Ausweg — und so würde man morgen früh aufeinander losknallen »bis zur Kampfunfähigkeit«.

Und nun kamen die Gedanken an daheim. An Eltern und Geschwister — nein, das ging ja doch nicht, einen solchen Gang zu tun, ohne sich vorher von den liebsten Menschen verabschiedet zu haben. Wenn er nun fiel — wie sollten sie diese wirre, dunkle Geschichte verstehen? Sie würden doch nachforschen, würden wissen wollen, was denn eigentlich geschehen war, wie es hatte so weit kommen können — und dann war's zu spät. Dann war sein Mund, der allein Licht in die Wirrnis hätte bringen können, verstummt. Sein Tod würde den Lieben ein düsteres, grauenhaftes Rätsel bleiben.

Also das geht nicht. Hans wird aufstehen und einen langen, langen Brief an die Geliebten daheim schreiben. Ihnen alles erzählen, ohne Verschweigen, auch das Glück — die landläufige Moral nannte es ja wohl ein sündiges Glück —, das er in Asta Thönys Armen genossen, auch die verworrenen Dränge, die ihn zu Jucunda getrieben. Alles, alles wird er berichten, und so wird wenigstens Klarheit liegen über seinem schauerlichen Ende ...

Ob sie ihn verstehen werden daheim? Mein Himmel, der Vater ist doch auch einmal jung gewesen ...

Und in Gedanken entwarf Hans Thumser den Wortlaut seiner Beichte. Immer eindringlicher, immer inbrünstiger vertiefte er die Schilderung seines Seelenzustandes, immer heißer und drängender formte er seine Bitte um Verständnis, um Vergebung, um ein Gedenken ohne Groll. Und über all dem Sinnen und Grübeln war er plötzlich versunken und verschwunden und wachte erst wieder auf, als Volkner ihn wach rüttelte, und die schlampige Alte, die sie beide gestern abend angeserenadet, in Nachthaube und Nachtjacke, grimmigen Gesichts und knurrenden Mundes den Kaffee auf den Tisch setzte.