Nun war's zu spät, nach Hause zu schreiben. Nun blieb's doch bei Volkners Theorie.
Die trockenen Semmeln von gestern wollten nicht in die Kehle, der glühheiße Bliemchenkaffee blieb fast unberührt. Ein Glück, daß Volkner mit ein paar Tafeln Schokolade und einem besseren Schnaps versehen war.
Geschäftig bediente er den Korpsbruder, wie man um einen Kranken, um einen Sterbenden sich müht. Und dabei fühlte Hans Thumser ganz deutlich, daß der andere sich im tiefsten Innern höchst mollig fühlte bei dem Gedanken: Gott sei Dank, daß ich selber nicht derjenige welcher bin!
Um Punkt halb sechs knallte drunten die Peitsche des Kutschers. Die jungen Männer machten sich bereit.
Im Schauer des dämmrigen Morgens fuhr Hans Thumser fröstelnd zusammen, als sie vor die Tür traten, als sein Blick auf die eingeschnurrte Gestalt des Korpsdieners fiel, der übernächtig auf dem Bock neben dem Kutscher hockte und auf den Knien einen schmalen, schwarzpolierten Kasten trug ...
Nebeldurchdunstet lagen die Straßen. Das Weiß des frischen Schnees war längst in ein kotiges Braun verwandelt, das der Frost der jüngsten Nacht mit tausend Rauhreifkristallen überzogen hatte. Ringsum erwachte das Leben der großen, fleißigen Stadt der Arbeit.
Den Rockkragen hochgeschlagen, dampfenden Atems schritten die Männer, huschten die Frauen einher, jeder an sein Geschäft. Schwarz und finster reckten sich die Fronten der alten Straßen, deren Häuser sich im Laufe der Jahrhunderte aus eleganten Wohnpalästen in dumpfe, mit Affichen überladene Geschäftshäuser verwandelt hatten.
Aber die Nebel sanken, von Osten wuchs die junge Tageshelle. Erste, schüchterne Sonnenstrahlen spielten droben um die Giebeldächer, ein Tag voll winterlicher Herrlichkeit flammte herauf.
Nun wurden die Anlagen durchquert. Weißleuchtend zackte sich das Gewirr der umreiften Aeste ins junge Blau.
Ivo Volkner aber und Hans Thumser studierten eifrig den S. C.-Pistolen-Komment, der in einem handschriftlichen Exemplar auf ihren Knien lag, und zündeten eine Zigarette an der anderen an.