Ganz kühl und geschäftsmäßig sprachen sie immer und immer wieder den vorgeschriebenen Gang der Mensur durch, um später auch nicht den leisesten Schnitzer zu begehen.
Endlich aber hielt es Hans Thumser nicht mehr aus. Er schob das schwarzgebundene Heft zurück, riß das frostbeschlagene Wagenfenster auf, atmete in tiefen Zügen die Morgenfrische und sog mit brennenden Augen das Bild der Morgenwelt in sich hinein.
Und eine wilde Sehnsucht kam über ihn — Sehnsucht nach all dem Unsagbaren, das von da draußen in seine Seele hineinflutete, nach all dem unendlich Schönen des Lebens, das er doch kaum mit erstem Erwachen des Begreifens gegrüßt ... und das doch schon tausend Vorahnungen künftiger Glücksmöglichkeiten in ihm geweckt hatte. Ach, Glücksmöglichkeiten?! Nein, er war ja schon glücklich gewesen!
Asta Thöny! klagte es in seiner Seele. Gott! so undankbar konnte man sein? An sie hatte er noch gar nicht gedacht ... Daß er von ihr sich verabschieden mußte, das war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen ... Und doch — wieviel hatte sie ihm geschenkt! Wie unsäglich gut war sie zu ihm gewesen, und er ... er hatte sie achtlos beiseite geschoben. Und das letzte, das er von ihr gesehen, waren bittere Tränen gewesen.
Zu spät ... Nun mußte das Schicksal seinen Gang gehen. Nun blieb nur noch eins: der Feindeskugel die Brust zu bieten und die Stirn dem wahllosen Walten des Geschicks.
Und doch, wie schön die Welt! Wie reich, was sich barg hinter den weißen Nebelschwaden, die das Kommende verhüllten. Wie selig selbst dieser Augenblick ahnungsvollen Grauens ...
Und Hans Thumsers Seele fühlte sich leben in diesem Augenblick. Leben, wie sie nie zuvor gelebt ... In langen, schmerzvollen Zügen trank sie das Glück des Augenblicks hinein. Das Glück, noch da zu sein, noch ein paar schmerzvoll süße Minuten lang die tiefe Wonne des Daseins atmen zu dürfen.
In einem billigen Zimmer des Hotel de Russie — dritter Stock nach hinten hinaus — hatte Valentin Pilgram sich einquartiert und die halbe Nacht mit Briefeschreiben zugebracht. Erst nach Mitternacht hatte er sich aufs Bett gestreckt und ein paar Stunden hingedämmert ...
Nun marschierte er auf dem Reitweg, der erst rechts, dann links der »Neuen Linie« durch das Streitholz führte, dem Kampfplatz entgegen, ein einsamer Wanderer ...
Er hatte sich nicht entschließen können, die letzten Augenblicke in Gesellschaft seines ihm tief unsympathischen Sekundanten Borgmann zuzubringen, mit dem er zweimal die Klinge und noch viel öfter in hitzigen Debatten des S. C. das Schwert des Wortes gekreuzt.