Und schnell vollendete sich's nun. Wie ward es Valentin Pilgram zumut, als er nun im festlich geputzten Saale zu Reims die Verse erklingen hörte, die er neulich so schmählich unterbrochen?
»Sollt' ich ihn töten? Konnt' ich's, da ich ihm
Ins Auge sah? Ist Mitleid Sünde?!«
Was war denn das, was so heiß und fremd unter der linken Westentasche zuckte und hüpfte? Was war dieser geheimnisvolle Schmerz, dieser brennende, der durch Hirn und Glieder rumorte, wenn dieses Mädchen seine stählernen blauen Augen verloren in den dunklen Raum hinausschweifen ließ, in dem er saß, inmitten der proletigen Finken ringsum, die er verachtete, wie er alles verachtete, was nicht zu den Angehörigen eines hohen Kösener S. C. Verbandes zählte?! War es die Scham, daß er dies Mädchen, diese weiße, stolze Weibesgestalt da hinten, gekränkt, gestört in ihrem Studium — sich benommen gegen sie wie ein Rauhbein, ein Knote ohne Kinderstube und Direktion!
Ja, das mußte es sein, das und nichts andres ... Er wird morgen früh seinen Bratenrock anziehen und seine beste Mütze aufsetzen — wird sich feierlich durch die Frau Kanzleirätin anmelden lassen und förmlich und devotest um Verzeihung bitten ... Es ist männlich, begangenes Unrecht einzusehen und zu sühnen, und durch Revokation und Deprekation einer Dame gegenüber vergibt auch Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster ad interim sich nichts — nein, ganz gewiß nicht!
Also das mach' ich! Gesegnet meine wüste Laune, gesegnet meine Examensnervosität ... So hab' ich doch wenigstens einen anständigen Grund, mich ihr vorzustellen, sie zu sehen, mit ihr zu sprechen ... Und ich werde mich dermaßen kavaliermäßig benehmen ... Ich werde ... Ueberhaupt ... Ich werde — hol' mich der Teufel — Eindruck werd' ich machen, so wahr ich Valentin Pilgram bin, Franconiae gewesener Erster, Erster, Erster ad interim!
Hans Thumsers Seele war aber zwiegeteilt, wie fast immer — fast immer ... Noch einmal, in der zweiten Szene des vierten Aktes, kam die andere — nach der er ein geheimes, lästerliches und süßes Schmachten verspürt hatte, nun sie so lange verschwunden war ... kam Agnes Sorel, stand neben der herrischen Gestalt Jucundas in ihrer kätzchenhaften Holdseligkeit ... schmiegte an Jucundas gepanzerten Busen die unverhüllte, die rosige lockende Brust ... O Hans Thumser, und denken zu müssen, daß diese Himmelswonne Nacht für Nacht neben deinem Knabenstübchen schläft, nur durch eine dünne Ziegelmauer von dir getrennt, in der es gar noch eine Tür gibt, die freilich verschlossen ist und mit einem Kleiderschrank verstellt ... O Hans Thumser, wie wirst du dies Bewußtsein ertragen, nun du sie kennst, sie gesehen hast mit deinen scheuen, brennenden Augen, ihr Bild hineingesogen in deine lechzende, lebenshungrige Seele ... Wie wirst du's ertragen?
Füchschen, die Trauben sind sauer ... So hat sie geschrieben. Ach, du Schelm, du böser, neckender Traumspuk du — du warmes, weiches, nahes, fernes, weltenfernes Menschenkind — —!
Still — es erfüllt sich Johannas Geschick ... Vor dem Bannspruch des Vaters, der sie höllischer Blendekünste zeiht, verstummt sie ... verstummt vor dem Donner des Himmels ... flieht in Einsamkeit und Verzweiflung — fällt stumm und wehrlos in die Hand der Feinde ...
Doch dann, in letzter, höchster Not, kommt noch einmal über sie die alte, magische Kraft: Sie zerreißt ihre Ketten, entrafft sich den entsetzten Feinden, trägt noch einmal das Banner der Jungfrau zum Kampf ... und dann, die Todeswunde in der Brust, von Siegesbannern überbauscht, läßt sie ihre reine Seele ins All hinüberströmen ...
O Dichter! Dichter! betet Hans Thumser — großer, herrlicher mit Deiner wunderbaren Cherubseele — einen Tropfen von Deinem Geist in mein junges Herz — einen Flammenfunken von Deinem Himmelsfeuer!