»Nu sagen Se, Herr Pilgram, wie sind Sie denn bloß in's Theater gekommen? Ich hab' gedacht, Sie haben gar nischt iebrig für die Kunst?« erkundigte sich Mama Buchner.
»Ja ... Frau Rätin,« sagte Valentin, »wie soll ich Ihnen das erklären? Sie haben nämlich recht ... Ich hab' wirklich nicht viel Sinn für die Kunst ... Ich — nu ich war eben ... neugierig war ich — auf meine Budennachbarin ...«
»Sehr schmeichelhaft!« lachte Jucunda und zündete sich eine Zigarette an. »Na und — und was sagen Sie nu?«
»Gar nischt sag' ich —« bekannte der Student. »Wissen Sie ... zum Komplimente machen ... bin ich nicht maulgewandt genug ... ich kann nur sagen: dies war der schönste Tag meines Lebens.«
»Hehe — da siehst es, Jucunda, was fier ä Kerle Du bist!« schmunzelte der Kanzleirat.
»Ach — das geht doch nicht auf mich!« wehrte Jucunda ab. »Herr Pilgram ist eben von Schillers großer Dichtung so ergriffen gewesen ...«
»Ne, gnädiges Fräulein, das könnt' ich nu gerade nich sagen,« erklärte Valentin. »Ich bin eben doch, wie mein Korpsbruder Thumser sagt, ich bin doch ein Banause. Schiller? Ich weeß nich ... es ist mir doch zu viel Schmalz an der Brühe ... Wenn Sie nicht gewesen wären, gnädiges Fräulein, ich glaube nicht, daß ich wäre bis zum Ende dageblieben ...«
»Schämen Sie sich!« zürnte das Mädchen.
»Ja — 's tut mir selber leid, daß ich so wenig Verständnis habe für die sogenannte Kunst ... Sehen Sie ... ich stamme aus einer alten Juristen- und Beamtenfamilie ... bei uns zu Hause ist nie von was anderm die Rede gewesen wie von Dienst und Vorgesetzten und Karriere machen und Orden kriegen und Gesetzesnovellen ... und das Theaterspielen und Musikemachen und Bilderklexen und Verseschmieren — nee, davon hat man bei uns nie was wissen wollen. Aber was Arbeit und Pflicht und Gehorsam ist und Gewissenhaftigkeit und Treue ... das ist mir eingepaukt worden von Kindesbeinen an ... und nicht nur mit der Moralpredigt, sondern mit dem guten Beispiel, dem nachahmungswürdigen Vorbild ...«
»Das is sähr scheen, wenn man das von sein' Elternhause kann sagen —« meinte der Kanzleirat. »Prost, Herr Pilgram — Ihre Herren Eltern sollen leben.«