»Säh'n Se, Herr Pilgram, wie se Ihn' schon überschnappt?«

Und er ließ frische Gosefluten in die Gläser [kluckern].

Aber allmählich fielen dem alten, hageren Männchen, das sein ganzes Leben in der muffigen, überhitzten Luft der Königlichen Justizbureaus zugebracht hatte, die geröteten Aeugelchen zu. Er verabschiedete sich und humpelte ins Schlafzimmer.

Auch Mutter Doris fiel allmählich ab.

»Nu, Herr Pilgram, wie denken Sie über's Schlafengehen?«

»Gibt's nich!« erklärte Jucunda. »Wenn Du müde bist, Mamachen, kriech in Gottes Namen in die Posen ... Ich bin noch nicht fällig, und Herr Pilgram wird mir Gesellschaft leisten, bis meine Nerven ausgezappelt haben ...«

Und die jungen Menschen waren allein. Es wurde still, ganz still ringsum. Von der Katharinenstraße klang ab und an noch das schläfrige Geklapper eines heimwärts trottenden Droschkengauls ... Vom nahen Rathausturme meldeten die Glocken mit hallenden Schlägen Viertelstunde um Viertelstunde ... sonst nichts mehr. Leipzig schlief.

»Erzählen Sie mir mehr von sich!« sagte Jucunda und legte sich mit behaglichem Gähnen in die gestickten Schoner des grünen Plüschsofas zurück. »Aber nicht so was Langweiliges vom Korps und von Ihren Fechtereien und vom Examen und so! Was Schönes ... was Interessantes!«

»Ach, gnädiges Fräulein — ich bin ein schrecklich uninteressanter Mensch ... ich schäme mich ordentlich, ich werde ganz klein, wenn ich mein Leben mit Ihrem vergleiche.«

»Na, aber Sie müssen doch irgend was Besonderes erlebt haben ... Waren Sie denn nie verliebt? Haben Sie nie ein Mädchen geküßt?« Sie zündete an dem Rest ihrer Zigarette eine frische an, pustete eine dicke Rauchwolke zu Valentin hinüber und schielte durch den Qualm hindurch neckisch blinzelnd zu ihm hin.