Valentin Pilgram wurde verlegen. »Hm ... ich weiß nicht recht, was ich da antworten soll ... als Künstlerin wissen Sie doch jedenfalls schon manches vom Leben ... und wissen, was wir jungen Männer, Studenten und so — wie soll ich mich nur ausdrücken?«

»Na, daß Ihr gerade keine Tugendspiegel seid ... Euch mit Kellnerinnen und ... so 'ner Sorte von Weibsbildern herumtreibt ... Herr Pilgram, ich bin ein Leipziger Kind, das alles ist mir nichts Neues. Aber — sowas zählt doch hoffentlich nicht?«

»Nein — Sie haben ganz recht ... es zählt nicht ... Sehen Sie, man betrinkt sich ja auch zuweilen mal ganz stumpfsinnig ... so ähnlich ist das ...«

»Und — sonst? Sonst haben Sie noch gar nichts ... erlebt? Niemals eine richtige ... eine Leidenschaft ... ein Gefühl, daß Sie so richtig die Zügel aus der Hand verloren haben? Daß es mit Ihnen durchgegangen ist wie ein wildes Pferd, so zuck, zuck, hoppla, hopp, über Stock und Stein, nur vorwärts, ins Weglose, ins Nichts — nur vorwärts ... komme was wolle?!«

Hingerissen hing Valentins Blick an den flackernden Augen, dem zuckenden Munde des Mädchens. »Ach nein ... gnädiges Fräulein ... so was hab' ich nie erlebt ... ich glaube auch, so was kann mir nie passieren ... dazu sind wir Pilgrams viel zu korrekt ... viel zu gewissenhaft ...«

»Schade —« sagte Jucunda. »Ich denke mir, das müßte schön sein ...«

»Das ... glaube ich auch ...« sagte Valentin langsam. »Schön ... und schrecklich ...«

»Wie wär's, wenn wir nun schlafen gingen? Ich fange doch allmählich an, abzufallen ...«

»Schade!« sagte nun der Student. Seine Augen überflogen noch einmal die weiße Gestalt, die sich in so fester, straffer Leiblichkeit abhob von dem verschlissenen Samt, auf dem sie ruhte, beide Ellbogen nach vorn emporgewinkelt, die Hände nach rücklings um die Lehne des Sofas geklammert.

»Gott, war das ein Tag!« sagte das Mädchen. »Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen! Aber das Hübscheste daran war doch, daß ich Sie nun kenne, Nachbar ... daß ich Sie Grobian doch ein bißchen gebändigt habe ... nicht wahr? Und daß wir zwei nun allein noch übrig sind von all dem Trubel und Trara ... was? Ist das nicht nett? Aber Sie sagen ja gar nichts?«