Und vom muntern Frühtrunk weg, von der sonnüberglühten Terrasse, wo bei rauschender Musik die Korps ihren offiziellen Frühschoppen hielten inmitten neugierig beobachtender Fremden, verschwand ein wohllöblicher C. C. der Franconia unter dem Rundbogen, der zum inneren Lokal führte, und versammelte sich in einem kühlen, abseitigen Gastzimmer zum Konvent — gespannt, was diese unerwartete Ladung zu bedeuten haben möge.

Die Franken waren's gewohnt, daß ein Ausdruck beklemmender Feierlichkeit sich über das hagere Gesicht ihres Ersten legte, wenn er den Korpskonvent eröffnete: aber so ... so unheimlich offiziell hatten sie ihn doch noch niemals gesehen.

»Ich habe dem C. C. von einer persönlichen Angelegenheit Mitteilung zu machen, die — zu meinem größten Bedauern — mich in einen Widerspruch mit den Interessen des Korps bringt. Unser Konkneipant, Seine Durchlaucht der Erbprinz, und dessen Begleiter Major v. Gorczynski haben sich einer schweren Beleidigung gegen eine Dame schuldig gemacht. Diese Dame ... diese Dame steht unter meinem Schutze ... und deshalb sehe ich mich genötigt, diesen Herren eine schwere Forderung zu übersenden. Ich kann natürlich nicht erwarten, daß das Korps den Erbprinzen zur Verantwortung zieht ... und deshalb bleibt mir nichts übrig, als den C. C. zu bitten, mir die Entlassung ohne Farben zu gewähren, damit ich den Ehrenhandel mit einem Herrn, der offiziell zu den Angehörigen des Korps zählt, zum Austrag bringen kann. Wünscht jemand zu meinem Antrage das Wort?«

In stummer Verblüffung hatten die jungen Herren den Vortrag ihres Häuptlings angehört — angesteckt von seiner Erregung, seinem fiebernden Ernst. Nun baten fast sämtliche Korpsburschen ums Wort und verlangten nähere Erklärungen. Man fragte, wie es möglich sein könne, daß der junge Prinz mit einer Dame, welche der nächsten Verwandtschaft ihres Korpsbruders angehörte — denn nur um eine solche Dame konnte es sich doch handeln — überhaupt in Berührung gekommen sein könne?

»Die Dame, für die ich einzutreten habe, ist keine Verwandte von mir ... es handelt sich um ein junges Mädchen, das außer seinem Vater, einem älteren, gebrechlichen Herrn, keinen männlichen Schutz zur Seite hat — und für das einzutreten mir deshalb als die Pflicht eines Ehrenmannes erscheint, zumal diese junge Dame zugleich eine berühmte und gefeierte Künstlerin ist ... es handelt sich um die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda Buchner.«

Ein unwillkürlicher Laut des Staunens, der tiefsten Ueberraschung entfuhr jedem der jungen Herren. Keiner konnte sich den Zusammenhang erklären ... wußte doch außer Hans Thumser noch nicht ein einziger von ihnen, daß ihr Erster, der notorische Verächter alles dessen, was Kunst und Künstler hieß, überhaupt gestern abend bei den »Meiningern« gewesen war ...

»Ich bitt' ums Wort!« rief Ivo Volkner, der temperamentvolle Rheinländer, und als der Erste dem Konvent Silentium für Volkner anbefohlen: »Ja, lieber Pilgram — ohne uns in Deine persönlichen Angelegenheiten hineinmischen zu wollen — aber Deine Erklärungen sind doch für uns alle dermaßen — überraschend, daß wir doch wohl um etwas genauere Auskunft bitten müssen ... was ist der ... jungen Dame ... denn eigentlich passiert ... und wie kommst Du — gerade Du dazu, Dich zu ihrem Ritter aufzuwerfen?«

»Ich will ... zuerst diese letzte Frage beantworten. Oder vielmehr nicht beantworten. Liebe Korpsbrüder, Ihr kennt mich und wißt: ich weiß im allgemeinen, was ich tue ... Und wenn ich Euch sage, das, was ich zu tun vorhabe, das muß sein — na, dann darf ich vielleicht von Euch erwarten, daß Ihr mir das glaubt. Hab' ich recht?«

Allgemeines Gemurmel der Zustimmung.

»Also noch einmal: ich halte mich für verpflichtet, für die Dame einzutreten ... und bitte den C. C. ... von einer näheren Darlegung meiner Motive ... Abstand zu nehmen.«