»Na ja — ein Förscht — der denkt eben, er braucht bloß auf'n Knopp zu drücken ...«
»Ich denke, liebe Korpsbrüder, Ihr seht ein, daß eine solche infame Beleidigung — einem anständigen Mädchen gegenüber — Fräulein Buchner ist ein anständiges Mädchen, und wenn sie zehnmal eine Komödiantin ist — was sagst Du, Thumser? Du kennst sie ja auch?«
Hans Thumser hatte mit einem wahren Toben der Gefühle die Verhandlung verfolgt, ohne selbst das Wort zu nehmen. Mein Gott, wie war aus dem strahlenden Spiel von gestern so rasch ein grotesker, tragikomisch grinsender Ernst geworden! Und was war doch dieser offizielle, banausische Pilgram für ein Prachtkerl, daß er sich für ein jählings erwachtes Gefühl gleich so ganz und rückhaltlos in die Schanze warf!
Ach, und du, Hans Thumser? was soll denn heut nachmittag werden? Mit was für Träumen, was für Begehrnissen, Hans Thumser, trägst du dich?!
»Ein anständiges Mädchen?« rief er zur Antwort auf die Frage des Ersten. »Eine Königin ist sie ... eine Göttin ... Pilgram, ich beneide Dich um das Glück, für sie vom Leder ziehen zu dürfen!«
»So überschwenglich brauchen wir das gar nicht mal auszudrücken,« sagte der Erste. »Aber ein anständiges Mädchen ist sie ... und da ich nun mal zufällig das Pech oder ... das Glück habe, mit ihr unter einem Dache zu wohnen ... und der erste honorige Mensch zu sein, dem sie sich anvertraut hat ... so bleibt ja wohl nichts andres übrig, als die Konsequenzen zu ziehen ...«
Bei diesen so nüchtern klingenden Worten schwoll's in all den jungen Burschenherzen. Es war der romantische Glanz, der diese Tat ihres Korpsbruders, ihres Führers, umwob, der ihnen allen Sinne und Urteil blendete. Wenn auch der Idealismus, den das Gymnasium in ihnen erzogen, durch die Formen blasierten, kaltschnäuzigen Lebemannstums verdeckt, ja stellenweise überwuchert sein mochte — noch lebte in ihnen allen etwas von dem Adelsgeiste, unter dessen Herrschaft ihre ganze Jugend, die Formung ihrer Seelen gestanden ... Wohl stieg in manchem von ihnen das Gefühl auf, als hätte sich doch am Ende ein Kompromiß finden lassen ... noch bedächtigere Seelen bedachten gar insgeheim, daß eine solche Katastrophe, auch wenn Pilgram vorher offiziell aus dem Korps ausschiede, doch nicht ohne Folgen für die Beziehungen des Korps zu dem Erbprinzen und damit vielleicht überhaupt zu den deutschen Fürstensöhnen bleiben könne ... In weiter Ferne dämmerte gar hie und da etwas wie der Gedanke an verpfuschte Karriere, verspielte Zukunftsaussichten ... aber:
»Wer die Folgen ängstlich zuvor erwägt,
Der beugt sich, wo man die Tiefquart schlägt —
Frei ist der Bursch!«
— das galt auch heute noch, das galt, das sang man nicht nur, so handelte man auch — hol's der Teufel!
Einstimmig ging Pilgrams Antrag durch, ihm die ehrenvolle Entlassung ohne Band zu erteilen ... Aber durch jedes Herz ging's wie ein schriller Riß, als nun Valentin Pilgram stumm das grün-gold-rote Band von der Brust zog, es stumm auf die Mütze legte, die auf dem Tische lag, sich mit schweigendem Händedruck von den ... ehemaligen Korpsbrüdern verabschiedete ... und, mit einem Handwink im Kreise, an ihnen vorüberschritt ...