Er ging durch den Schenkraum des Theaterrestaurants, schritt barhaupt quer über den Augustusplatz, kaufte sich in der Passage für seinen letzten Taler (Gott sei Dank, morgen ist der Erste!) einen einigermaßen schäbigen Filzhut und kehrte dann zur Theaterterrasse zurück. Grüßend schritt er am Frankentisch vorbei, wo die harrenden Füchse in stummer Verwunderung ihre Mützen zogen, lüftete flüchtig den Hut zu den Tischen der übrigen Korps und trat auf den Neo-Borussentisch zu, an dessen Spitze der Erste, Herr Borgmann, mit dem gewohnten süffisanten Lächeln präsidierte.
»Herr Borgmann — kann ich Sie einen Moment sprechen?«
»Mit dem größten Vergnügen, Herr Pilgram ...«
Die beiden jungen Herren traten abseits an den Rand der Terrasse, von der der Blick hinschweifte zum zitternden Spiegel des Schwanenteiches, auf das braune, rieselnde Laub der Anlagen auf dem alten Umwallungsgebiet.
»Zunächst gestatte ich mir, Ihnen anzuzeigen, daß ich aus dem Korps Franconia ausgeschieden bin ...«
»Herr Pilgram —!«
»Sie werden den Grund sogleich erraten: Ich bitte einen wohllöblichen C. C. der Neo-Borussia um Waffenschutz und zugleich Sie persönlich um die große Liebenswürdigkeit, Seiner Durchlaucht dem Erbprinzen von Nassau-Dillingen und Herrn Major von Gorczynski je eine Forderung auf schwere Säbel ohne Binden und Bandagen auf fünfundzwanzig Minuten bis zur Abfuhr zu überbringen.«
In ratloser Verblüffung waren Mutter und Tochter zurückgeblieben, als ihr Student sich so unerwartet und kategorisch zu Jucundas Ritter aufgeworfen. Nun sie allein waren, wich die erste Rührung und Ergriffenheit bald einem kaltblütigen Erwägen.
»Das gibt weeß Knebbchen än richt'gen Schkandal!« platzte Mutter Doris heraus. »Gucke, das hast Du nu davon, daß Du Dich so hast vergessen kenn'! Schließlich — so gefährlich war doch am Ende die ganze Geschichte nu nich! Man hätte den Herrn ihr Geld einfach sollen wiederschicken — mit Abzug von's Porto nadierlich — un den Korb zum Gärtner zurück, un all's war in Ordnung! Statt dem wird der nun hingehn und wird'n fordern, den Erbprinz, un der Krach is fertig! Un schließlich, was wer'n die Leite sagen? Die Buchner hat's mit ä Studenten, wer'n se sagen!«
Eine Flut von wirren Gedanken wirbelte durch Jucundas Hirn. Da war so unendlich Vieles, was beglückte, erregte, schmeichelte, stachelte, berauschte! Welch eine Macht ging von ihr aus — trieb den langen Jungen, einen Sohn aus gutem Hause, den Ersten Chargierten des ältesten und angesehensten Korps in Leipzig — sie war ihren Kindheitserinnerungen noch nahe genug, fühlte sich noch immer als Tochter eines Hauses, das jahraus, jahrein nur Korpsstudenten beherbergte — wußte das als eine Ehre zu schätzen ... ihn trieb sie in tolle, aberwitzige Abenteuer, diese unheimliche Macht, die von ihr ausging ... Achtzehn Jahre, und schon der Mittelpunkt von Tragödien und Katastrophen ...