Aber da war noch eine andere Stimme: die Stimme der kalt rechnenden Vernunft, die Stimme der kleinbürgerlichen Gerissenheit, die das früh gewitzigte Töchterchen einer engbegrenzten Spießerwelt auf ihrem Anstieg in lichte Höhen des Daseins bisher so sicher geleitet hatte: die warnte vor dem Skandal ... mahnte zur Ruhe, zur Vorsicht ...
»Wenn ich nur wüßte, was Hoheit in Meiningen zu so einer Geschichte sagen würde ...«
»Nu, ich glaub' nich, daß der gnädigste Herr sähre entzickt mechte sinn, wenn's Geschichten gibt wegen en Prinzen aus fürstlichem Hause ...« meinte die Mutter.
Jucunda sann, an wen sie sich wohl um Rat wenden könnte. Franz Burg! schoß es ihr durch den Sinn. Der wackere, selbstlose Freund und Förderer hätte es wohl verdient, daß sie sich überhaupt zuerst an ihn gewandt hätte ... Und das hätte sie ja auch sicherlich getan, wenn nicht ihre Nerven, noch nachzitternd von den gestrigen Fiebern, ihr den Streich mit dem Weinkrampf gespielt hätten ... ja, und da war's eben alles so von selbst gekommen, das Andre, das Unwahrscheinliche, das süß Berauschende und Erschreckende ...
Mutter Doris war natürlich sehr einverstanden ... Und alsbald war Jucunda auf dem Wege zu Franz Burg ... wie sie immer zu Franz Burg gegangen war, wenn sie nicht mehr aus noch ein wußte ... es gingen sehr viele Menschen zu Franz Burg, wenn sie nicht mehr aus noch ein wußten ...
Ach, wie ging sie gern zu Franz Burg! Erstens war es ein behagliches Bewußtsein, daß er verheiratet war — sehr glücklich verheiratet. Zweitens war's ein sehr behagliches Bewußtsein, daß — nun daß er trotzdem heftig für sie schwärmte — so was merkt man doch, nicht wahr? — daß sich hinter seiner trockenen, reservierten Freundschaft eine Empfindung versteckte, die gewaltsam gebändigt werden mußte ...
Gott, ist das entzückend, so zu fühlen, zu wissen, daß man wie eine allvergötterte Königin durchs Leben schreitet ... Ihr fiel ein, daß sie einmal von den Indianern gelesen hatte, sie sammelten die Skalpe ihrer erlegten Feinde ... O Jucunda — wenn du die Skalpe deiner zur Strecke gebrachten Verehrer sammeln würdest ... was für ein Museum käme da zusammen!
So sann Jucunda, während sie hastig die Petersstraße hinabschritt, den Weg, den man sie gestern im Triumphzug heimwärtsgeführt ... Unter dem Torweg kaufte sie sich die Morgenzeitungen, außer dem Tageblatt, das sie daheim zum Frühstück schon verschlungen, und las die Kritiken ... eitel Hosianna über den ganzen Abend, und sie natürlich der Mittelpunkt ... und hier ein Bericht über ihre Heimkehr, feuilletonistisch zurechtgestutzt — brav so, brav, na ja, so was macht eine bildschöne Reklame, das darf öfter passieren!
Erst während sie die Anlagen am Roßplatz kreuzte, den Königsplatz überschritt, kam ihr wieder in den Sinn, weshalb sie sich eigentlich heut morgen zum Theater aufgemacht hatte, wo sie doch auf Rechnung der gestrigen Strapaze von der Probe dispensiert war. Nein, dieser gute Pilgram — so ein Starrschädel! Eigentlich rührend ... und doch ein bißchen zum Lachen, daß er sich ihretwegen ... des lumpigen Billetts wegen, das doch wahrhaftig nicht das erste gewesen war und auch nicht das letzte sein würde ... daß er sich deswegen mit Tod und Teufel schlagen wollte — sich sein Leben verpfuschen reineweg! Also solche Männer gab es doch auch ... eigentlich eine Wohltat, wenn man so inmitten dieses marklosen, irrlichtelierenden, an großen Worten sich betrinkenden und vor jeder Tat mit eingekniffenem Schwanz abseits schleichenden Künstlervolks lebte ... Franz Burg war ja eine Ausnahme ... aber ob er sich ihretwegen auch nur einem Schnupfen ausgesetzt hätte statt einer Degenklinge — das bezweifelte Jucunda denn doch eigentlich ...
Da war das Carolatheater ... Jucunda schritt durch den Eingang, überquerte das schmale Höfchen, den Kassenflur, in dem sich bereits wieder das Publikum um die Abendplätze prügelte — Gott, wie wird Hoheit sich über die Kassenrapporte freuen! — schlüpfte durch die knarrende Eisentür in den Bühnenumgang und horchte am Pförtchen, das zur Bühne führte. Burg arrangierte eben das »Lager« ...