Als der Wagen anzog, fiel der Blick der Abfahrenden auf eine lange Kolonne riesiger Möbeltransportwagen — drüben waren sie aufgefahren vor der nüchternen Häuserfront, deren Erdgeschoß die Einfahrt zum Carolatheater durchstieß. Das Theater selber lag verborgen und schmucklos dahinter im Hofe. Um die Wagen aber sammelte sich eine Rotte herkulischer Blusenmänner und begann sie zu entladen. Was kam da alles zum Vorschein!

Das erste, was das Auge der Wageninsassen entdeckte, war der riesige Körper eines schwarzen Pferdes, in liegender Stellung, in der Stellung des Todes ausgestopft ... Unter derben Späßen hoben die untersetzten Arbeiter die Bestie aus dem Finstern des Wagens und trugen sie in die Dämmerung des Flurs. Und im schnellen Davonfliegen des Wagens erfaßte der Blick der Enteilenden noch ein Chaos von Gegenständen, die bereits ausgepackt an den Hauswänden lehnten: ein ganzes Arsenal eiserner Rüstungen, Schwerter, Hellebarden, Federhelme ... und noch allerhand Dinge, seltsam durch ihre Lage und Zusammenstellung: einen prunkvollen gotischen Altar, einen mächtigen Eichbaumstumpf, dessen papierene Blätter im Herbstmorgenhauche gespenstisch raschelten — und endlich ein kolossales Renaissance-Büfett, das Hans Thumser auf den ersten Blick wiedererkannte: es hatte im Bankettsaal des Grafen Terzky gestanden, der Zecherrausch der Friedländischen Generale hatte es umbrandet — damals, im Barmer Stadttheater, als Hans Thumser in Fieberschauern den »Wallenstein« erlebte ...

»Die reine Trödelbude —« sagte Valentin Pilgram, der Senior, und zog die Winkel des schmalen Mundes verächtlich herab. »Ooch 'n Geschäft, sich Abend für Abend die Visage zu beschmieren, sich vor so'ne Lappen hinzustellen und mit Armen und Beinen zu fuchteln ...«

Die blassen, matten Züge des Erbprinzen hatten sich plötzlich belebt. »Sie vergessen, lieber Pilgram, daß diese Fuchtelei mit Armen und Beinen doch manchmal ganz niedlich anzusehen ist ... namentlich wenn diese Arme und Beine — halten Sie sich mal die Ohren zu, Herr Major! — na also, wenn sie schlank, jung und ... feminini generi sind ...«

»— generis, Durchlaucht!« erlaubte sich der Erzieher zu bemerken.

»Echauffieren Sie sich nicht, lieber Major — als Sprachlehrer sind Sie nicht engagiert — Sie haben nur für meine Moral zu sorgen — wenn's auch schwer fällt ... aber nun sagen Sie mal, Sie Alleswisser — was bedeutet denn dieser Apparat da vor dem ollen muffigen Carolatheater?«

»Die Meininger, Durchlaucht, beginnen in fünf Tagen ein vierwöchiges Gastspiel in Leipzig,« sagte der Major.

»Und das haben Sie mir bis jetzt unterschlagen, Sie Cerberus?«

»Ich habe nicht gewußt, daß Durchlaucht sich auch für ernste Kunst interessieren ...«

»Ah bah — Theater ist Theater ... und wo kann der Thronfolger eines — na sagen wir mal eines Staates von mäßigem Umfang — wo kann ich mich besser auf meinen künftigen Beruf vorbereiten als im Theater? Mein Hoftheater, das ist doch der einzige Platz, wo ich später ... gewissermaßen ... wirklich mal was zu sagen haben werde ...«