7.
Major von Gorczynski hatte beschlossen, den Stier bei den Hörnern zu packen. So etwas Blödsinniges war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert! Eine Soupereinladung an eine Bühnenprinzessin, die mit einer Säbelforderung seitens eines Korpsstudenten beantwortet wird! Und noch dazu eines Korpsstudenten, von dem man mit positiver Bestimmtheit weiß, daß er allem, was Theater und Theaterweiber heißt, weltenfern steht! Das war zu abgeschmackt ... Was konnte nur vorgegangen sein, das diese ausgefallene Konstellation ermöglicht hatte! Das mußte man herausbekommen ... Und das Einfachste war, man ging gleich vor die rechte Schmiede ... Mit dem Mädel war jedenfalls noch am ehesten fertig zu werden ... Absolut geräuschlose Erledigung hatten Durchlaucht verlangt? Herr von Gorczynski kannte sich jedenfalls mit Mädeln noch besser aus als mit dieser rauf- und trinkfesten Männerjugend in Band und Mütze, deren Begriffe und Sitten so was mittelalterlich Unkontrollierbares an sich hatten ... Also auf zu Jucunda!
Frau Kanzleirätin Buchner öffnete selbst die Tür und war nicht wenig entsetzt, als ein nicht mehr ganz junger, höchst eleganter und — hm! — pikfein parfümierter Herr in Gehrock, Zylinder, hechtgrauen Glacés an der Entreetür stand und Fräulein Jucunda Buchner zu sprechen wünschte ...
»Fräul'n Buchner is aus — tut m'r unendl'ch leid ... Aber wenn ich was kennte bestell'n — ich bin die Mutter.«
Herr von Gorczynski musterte die stattliche, rundliche Frau mit Kennerblick. Es war nachmittags um vier, aber die ... Dame war noch immer in Morgentoilette ... geblümter Schlafrock und Schleifenhäubchen ... Also aus so einem ... Milieu entstammte das Dämchen, für das der Sohn eines hohen sächsischen Justizbeamten Korpsband und Karriere in den Wind schlug ... Hm ... Das vereinfachte die Situation allerdings außerordentlich. Herr von Gorczynski war auf eine feingebildete Familie gefaßt gewesen ... Vielleicht Justiz, Universität, ein Predigerhaus ... Und nun ... Na, wenn man mit so etwas nicht geräuschlos fertig werden sollte ...
»So ... Sie sind die Mutter ... Na da ist es vielleicht am besten, ich unterhalte mich erst mal ein wenig mit Ihnen ... Major von Gorczynski ist mein Name.«
Frau Doris fühlte, wie ihr das Herz in die flanellenen Unterhosen rutschte. »Ja, aber ... Sie sehen, Herr Major ... Ich bin Sie ja doch gar nich angezogen ...«
»Bitte, das macht nichts ... Was ich Ihnen zu eröffnen habe, das können Sie auch unangezogen hören. Also wenn ich bitten darf — oder wünschen Sie meine Erklärungen auf dem Hausflur entgegenzunehmen?«
»Ach nee ... Aber gewiß nicht, Herr Major ... Bitte treten Sie ein ... in die gute Stube ...«
Herr von Gorczynski überflog mit demonstrativer Geringschätzung die verschlissene Herrlichkeit des Buchnerschen Salons. Dann setzte er sich mit einer gewissen Vorsicht, als fürchte er, der Samtfauteuil könne unter ihm zusammenbrechen, in den grünen Plüsch und sah die vor Erregung fiebernde Frau mit durchdringendem Blick an.