»Heer'n Se, Herr Major,« rief sie zitternd, doch mit Entschiedenheit, »das muß ich mir denn doch ganz ergäbenst verbitt'n! Meine Tochter hat kein ... kein Verhältnis nich!«
»In dem Sinne, in dem Sie das Wort verstanden zu haben scheinen, habe ich es durchaus nicht gebraucht ... und verbitte mir meinerseits eine derartige Auslegung meiner Worte! Nun aber zu Ihrem Fräulein Tochter! Hat sie — und haben Sie als Mutter — oder wenn Ihr Mann noch unter den Lebenden ist —«
»Allerdings — mein Mann ist der Kanzleirat Buchner — ein königlicher Beamter ...« warf Frau Doris ein, »Ritter des Albrechtkreuzes zweiter Klasse ...« Sie richtete sich ordentlich auf an all diesen ehrenvollen Tatsachen.
»Na also! Haben Sie alle zusammen sich denn eigentlich nicht klar gemacht, was ein so ... rabiates Vorgehen denn eigentlich für Ihre Tochter ... vielleicht auch für Ihren Mann ... bedeutet? Ich nehme an, daß Sie bereits in Erfahrung gebracht haben, wer wir eigentlich sind — wer sich hinter dem Namen von Dillingen versteckt — hä? Wissen Sie das, Frau Kanzleirat Buchner?«
»Ja, ja, ich weeß — ich weeß,« stammelte die geängstigte Frau und fuhr mit dem Rücken der fleischigen Hand über die feucht gewordene Stirn.
»Na also! Bilden Sie sich denn im Ernste ein, ein solcher Herr werde sich wegen ... wegen einer Lappalie von einem x-beliebigen jungen Menschen zur Rechenschaft ziehen lassen? Nee, verehrte Dame, die Sache kommt anders: Es möchte Ihrer Tochter vielleicht doch peinlich sein, wenn an ... eine gewisse Stelle ein Bericht über das ... eigentümliche Interesse erginge, dessen Ihre Tochter sich in — hm! Studentenkreisen erfreut! Und wenn Ihre Tochter sich überlegt, daß ihr Kontrakt doch am Ende noch nicht lebenslänglich und unkündbar ist, und daß es sich wenig empfiehlt, sich die Gunst eines jungen Fürsten zu verscherzen, der einmal der Brotherr eines der größeren deutschen Hoftheater sein wird ... dann wird ihr am Ende klar werden, daß es ein bißchen übereilt von ihr war, eine kleine Unbedachtsamkeit — ich gebe ja zu, daß es eine Unbedachtsamkeit war, Ihre Tochter ohne weiteres in eine Linie mit der Mehrzahl ihrer Kolleginnen zu setzen ... Aber deshalb gleich nach Blut — nach Fürstenblut zu lechzen — das scheint mir doch einigermaßen kindisch!«
Völlig zerschmettert hatte Frau Buchner die Suada ihres vornehmen Besuchers über sich ergehen lassen. Vor ihrem Auge tanzten hundert gräßliche Bilder ... Der gnädigste Herr in Meiningen hatte Jucunda seine Gunst entzogen — ihr Vertrag war gekündigt ... Vergebens klopfte sie an die Pforten aller deutschen Bühnen ... Als »schwieriges Mitglied« wurde sie überall abgelehnt ... Das Elend lauerte, der Hunger ...
»Ne ... ne ... das is ja äne schreckliche Geschichte ...« stammelte sie.
»Nun, Sie scheinen ja Vernunft annehmen zu wollen. Ich empfehle Ihnen also, unverzüglich mit Ihrer Tochter Rücksprache zu nehmen: Sie soll ihren ... ihren jugendlichen Beschützer veranlassen, seine höchst törichte und kindische Herausforderung zurückzuziehen ... Damit dürfte die Angelegenheit eine für alle Beteiligten befriedigende Erledigung finden. Sind Sie dazu bereit?«
»Aber mit dem greeßten Vergniegen — 's wird sich doch am Ende noch alles lassen ins reine bringen!« ächzte aufatmend die geängstigte Frau.