Inzwischen saß Jucunda stumm und königlich auf dem Sofa, ohne eine Hand zu rühren, und ließ ihre runden blauen Augen von einem zum andern leuchten. Und auch Hans Thumsers Blicke gingen hin und her, von dem Schalk zu der jungen Königin, von der jungen Königin zu dem rastlosen Schelm ...
Und endlich gab's Ruhe und so etwas wie Ordnung, und mit einem tiefen Aufseufzen warf Asta Thöny sich in das Sofa, kuschelte sich an Jucundas kräftige Schulter ... und nun sahen zwei Augenpaare, das blaue, das schwarze, den braunäugigen Studenten an ...
»So, Herr Dummser, nu erzählen S' uns was!«
Hans Thumser war des Umgangs mit weiblichen Wesen wenig gewohnt. Seine Schwestern waren um vier und fünf Jahre jünger als er, die zählten, samt ihrer Freundinnenschar, noch nicht mit, waren Gören, oder wie man daheim sagte, Blagen ... unfähig, die erhabene Größe eines Studenten, eines Korpsstudenten, eines Fuchsmajors richtig einzuschätzen. Und das Korps? Es lebte außerhalb der Leipziger Gesellschaft, war völlig durch Mensur und Kneipe absorbiert und kam höchstens auf dunklen und verschwiegenen Pfaden einmal mit verachteten Parias der Weiblichkeit in Berührung ...
Aber ... er war ein werdender Poet ... und der Zauber der Situation löste ihm die Zunge, gab ihm Worte, wie sie gesellschaftliche Routine nicht kennt ...
»Erzählen soll ich Ihnen ... meine Damen? Ach ... ich hab' nichts erlebt, was des Erzählens wert wär' in solch einem Augenblick ... aber ... das darf ich ja wohl sagen, nicht wahr? daß ich sehr glücklich bin ... Ich denke an gestern abend ... ich habe Sie beide gesehen und bewundert und beneidet um das Glück Ihres Berufs ... den Menschen das Schöne zu offenbaren ... und nun sitz' ich hier ... Ihnen gegenüber ... seien Sie mir nicht böse, wenn das mir zu Kopf steigt und ... mich dumm und stumm macht ... Sie nennen mich noch immer Dummser, gnädiges Fräulein ... und das stimmt, ich bin auch ein dummer Bub, das fühl' ich, jetzt, wo ich mit Ihnen zusammensitzen darf ... Nein, ich kann Ihnen nichts erzählen ... ersparen Sie es mir, mich mit Konversationmachen abzuquälen ... erlauben Sie mir nur ... da zu sein ... und Sie anzuschauen ... und zu fühlen, ja bis ins Tiefste zu fühlen, wie schön das ist ... was für ein Glück das ist!«
»Aber warum machen Sie sich selber so schlecht?« sagte Jucunda und sah ihn groß an — »Sie sprechen gar nicht übel ... im Gegenteil — ich meine, ich hätte noch niemals einen Menschen so sprechen gehört ...«
»Du —?« sagte Asta, »daß Du mir dem Jungen nicht zuviel Komplimente machst! Das ist meiner, verstehst Du mich? Aber Du mußt immer alles für Dich haben ... die Blumen — die Kränze — die ausgespannten Pferde — die Verehrer, alles muß sie allein haben! Und so was redet von Freundschaft und Kollegialität! Schämen sollten S' Ihnen, mein Fräulein!«
Hans wurde glühendrot. »Ach, meine Damen, machen Sie sich nur immer über mich lustig ... ich weiß ganz genau, wie wenig ich Ihnen sein kann. Nur das eine muß ich Ihnen sagen: Sie ahnen gar nicht, was dieser Tag für mich bedeutet ... Sie können sich wohl nicht vorstellen, wie barbarisch und rauh dies Leben ist, das wir jungen Dächse so führen auf deutschen Hochschulen ... Und seit gestern ist's auf einmal bunt und licht und ... groß und ... schön um mich her ... seit ich Sie beide kenne ...«
»Gott, wie süß er ist — gelt, Jucunda?« sagte Asta und streichelte dem Studenten mit einer raschen, zärtlichen Bewegung ganz leise und flüchtig die glühende, narbenzerrissene Wange. »Nur mehr so Schönes, nur mehr! So was kann man gar nicht genug hören!«