»Stimmt!« rief Pilgram. »Keine zehn Pferde ziehen mich ins Theater, wenn Schiller gespielt wird! 'Die tragische Schuld der Maria Stuart' — 'Wallenstein, ein tragischer Charakter' — 'Die poetische Gerechtigkeit in der Braut von Messina' — pfui Deuwel! um junge Hunde zu kriegen —!«
Wie bin ich unter diese Menschen geraten? dachte Hans Thumser. Warum trage ich die gleiche Mütze und die gleichen Farben wie sie? Kein Takt des Herzschlags, kein Gefühl, kein Wort ist mir mit ihnen gemeinsam ...
Und derweil rollte der Wagen seitwärts durch die nüchternen, morgenleeren, hallenden Straßen der Südstadt, dem fernen Kampfplatz entgegen, wo Hans wieder einmal seine Zusammengehörigkeit mit seinen Korpsbrüdern, seine Zugehörigkeit zum Frankenbunde mit seinem Herzblut besiegeln sollte ...
»Vergessen Sie nicht, Durchlaucht, daß Jucunda Buchner die Jungfrau spielt ...«
»Jucunda Buchner? Ist — wer?«
»Nun, der jugendliche Stern der Meininger — einfach Sehenswürdigkeit — gewissermaßen das deutsche Mädchen in Reinkultur —«
»Schön — also abgemacht!« sagte der Erbprinz. »Aber halten Sie mich fest, lieber Major, sonst mach' ich Dummheiten...«
»Buchner?« sagte der Senior, »hm — da fällt mir was ein. Mein Hauswirt, der Kanzleirat Buchner, der hat ja, soviel ich weiß, irgendwo 'ne Tochter beim Theater ... das wäre doch ulkig ... soviel ich weiß, wurde ihre Ankunft erwartet ... und ich mein' auch, daß sie in Leipzig spielen sollte, hätte die Alte erzählt — ich hab' aber nicht recht hingehört — was geht mich das Theater an ...«
»Herrgott, Mensch — das Theater!« platzte Thumser heraus. — »Hier handelt sich's doch um die Meininger! Hast Du davon überhaupt eine Ahnung, was dieses — dieses Theater bedeutet? Die Entdeckung der Klassiker, ihre Eroberung für die Bühne unserer Zeit, die Entbindung all der tausend köstlichen Sinnlichkeiten, die im Drama unserer Großen schlummern — bist Du denn solch ein Barbar, solch ein Banause, daß Du von all dem nichts weißt — daß all das für Dich nicht existiert?«
»Na, entschuldige schon, daß ich existiere!« schnarrte der Erste. »Ne wirklich, teures Thumserherz, das alles ist mir schnuppe, schnupper, am schnuppesten! Ich halt's mit meinem Vater, der nie in seinem Leben ins Theater gegangen ist und doch Senatspräsident am Oberlandesgericht in Dresden geworden ist, und jedenfalls noch ein Endchen weiter kommen wird im Leben, eh er Schluß macht! Kunst ist Spielzeug für charakterlose Müßiggänger — unsere Zeit aber braucht Arbeiter, Charaktere — Männer, verstehste?!«