»Bumm, bumm, bumm! Tusch!« sagte der Prinz. »Sie sind zum Landtagsabgeordneten qualifiziert, lieber Pilgram ...«

»Verzeihung, Durchlaucht, es muß auch — Landtagsabgeordnete geben! Ne, lieber Thumser, lauf Du nur immer ins Theater und laß Dir — wie hast Du so schön gesagt? — laß Dir Deine tausend köstlichen Sinnlichkeiten entbinden — mein Bedarf ist mit Fechtboden, Kneipe und Windscheids Drogenweltkolleg vollkommen gedeckt!«

»Und so was hat nun das Glück, mit Jucunda Buchner unter einem Dache zu wohnen ...« seufzte Erbprinz Heribert.

»Das weiß ich noch nicht, das ist nur eine Vermutung von mir, Durchlaucht ... Uebrigens ist die Sache wirklich ohne Interesse für mich. Mit einer Komödiantin möcht' ich noch nicht mal eine Poussage haben ... man kann ja doch nie wissen, ob sie einem nicht was vormimt und einen innerlich auslacht ...«

»Na, teurer Pilgram, nu sei'n Se aber friedlich!« schmunzelte der Erbprinz. »Davon versteh'n Sie nu wirklich nischt — det haben Sie noch nich gehabt!«

»Sie doch auch nicht, wie ich hoffe, Durchlaucht!« sagte der Major und blinzelte seinem jungen Herrn unter grimmig zusammengezogenen Brauen verschmitzt zu. Und Erzieher und Zögling wechselten ein Augurnlächeln ...

Der Wagen rollte. Niederer wurden die Häuser, die beiderseits die Connewitzer Landstraße umsäumten. Und bald wurde die Bebauung offener, ländlicher. Dann bog die Fahrt nach rechts, und in die braunen Schattenhaine des Streitholzes ging's hinein, die Pleiße wurde überschritten auf knarrender Holzbrücke, unter der sich die gelben Fluten träge hinwälzten, noch angeschwollen von den ersten Herbstregen, welche die vergangene Woche gebracht. Aber heut rang sich aus Nebelbrodem die verschlafene Morgensonne mühsam durch, umgoldete das rötliche Buchenlaub zu Häupten der Dahinrollenden, verhieß einen lustig blanken Fechtertag, den letzten unter freiem Himmel für dies Jahr: der nächste würde schon im benachbarten Halle, richtiger im Vorort Cröllwitz, steigen müssen, an der murmelnden Saale, gegenüber den reckenhaften Trümmern des Giebichenstein.

Allmählich wandte sich das Gespräch von dem strittigen Thema des Theaters zum minder kontroversenreichen des nahen Bestimmtages hinüber. Daß der Fuchsmajor der Franken heute seine todsichern Senge bekommen würde, galt als ausgemachte Sache, über die niemand Worte zu verlieren brauchte. Es fragte sich bloß, ob Hans Thumser auf seine notorische vielgeprüfte Quartblöße oder auf Borgmanns allgefürchteten Durchzieher abgestochen werden würde — von dem Valentin Pilgrim, der Senior, im Gesicht bereits ein stattliches Exemplar trug, welches Ohrläppchen und Mundwinkel mit einem linealgraden breiten Strich verband ...

Aber während man also über Hans Thumsers nächste Zukunft verhandelte, das Schicksal seiner linken Gesichtshälfte sachverständig abtaxierte — — war Hans Thumsers Inneres auf geheimnisvolle Weise in Gleichgültigkeit und Fernsein untergetaucht.

Jungfrau von Orleans ... sang es in seinem Herzen ... Jucunda Buchner ... das war wie eine leuchtende, gnadenvolle Nähe, wie ein offener Himmel, aus dem eine lichte Madonna sich neigt, gegenwärtig und doch unnahbar, bekannt und doch undurchdringlich ...