»Na, so seht Ihr Korpsstudenten doch alle aus ...«
»Gott ja — es braucht ja nicht jeder Poet auszusehen wie die Jünglinge aus dem Café Größenwahn — von denen mir ein Berliner Korpsbruder neulich erzählt hat.«
»Nein, da haben Sie recht,« sagte Jucunda. »Die Sorte kenn' ich auch — aus der Zeit unseres Gastspiels am Viktoriatheater ... ich denke mir, der junge Goethe ist hier in Leipzig auch so etwa wie ein wandelndes Modejournal herumgelaufen, während seine Kollegen lange fettige Haare und schmutzige Hemdkragen trugen ... Sieh da — also so schaut ein junger Dichter aus ... alte kenn' ich ja schon diesen oder jenen, aber das waren alles sehr verschlissene, sehr diplomatische, sehr nüchterne und ... ernüchternde Herren ... Sie sind nicht nüchtern, Herr Thumser, Sie laufen wie in einem ewigen Rausch herum — wenn Sie auch noch so schneiderelegant aufgemacht sind ...«
»Ja, das ist wahr!« sagte Hans lebhaft. »Ewiger Rausch! Sie haben recht! Ich bin immer wie betrunken von ... von all dem Herrlichen um mich her — von all dem Neuen und Gewaltigen, das jede Stunde bringt! Ist nicht die Welt ein einziges, ungeheures Wunder? Und so ein armes Menschenherz viel zu klein und eng, um das alles zu fassen? Und wenn man's nun so erleben darf, die Schönheit, die Kunst, die Poesie leibhaftig vor sich zu sehen ... wie in Ihnen, Jucunda Buchner ...«
Die braunen Augen hingen an den blauen, die blauen an den braunen — mit hochaufgerichteten Leibern saßen die jungen Menschen einander gegenüber, und Ströme des Lebens rauschten von einem zum andern.
Jucunda fühlte sich wachsen in dieser naiven Bewunderung eines Menschen, in dem ihr weiblicher Instinkt die gärenden, schäumenden Kräfte witterte ... und Hans Thumsers gläubiges Märchenherz erblickte in dem weißen, vom Schöpfer in einer Künstlerlaune so edel ausgeformten Gesicht die fleischgewordene Schönheit, herabgestiegen vom Himmel, um ihm, dem Werdenden, die Fülle zu offenbaren ...
Auf einmal fuhren beide herum: ein Ton, ein erstickter, war in ihre Versunkenheit gedrungen — ein Ton, den Hans schon einmal vernommen zu haben meinte: der Ton eines bittren, unbezwinglichen Weinens ...
Asta Thöny hatte den Kopf in die Finger gedrückt, die Hände auf die Knie gepreßt ... ganz in sich zusammengekauert saß sie da, die zierlichen Schultern zuckten, aus dem Nest der schwarzen Flechten hatten sich ein paar glänzende Locken gelöst und rollten über den weißen Nacken ...
»Aber Kind — was ist Dir nur?« fragte Jucunda und legte den Arm um die Hüften der Kollegin.
Aber die schüttelte die Umschlingung ab, sprang auf, eilte zum Fenster hinüber und lehnte den hochgehobenen Arm, die tiefgesenkte Stirn an die Scheiben ...