Der Inspizient steckte den Kopf zur Tür herein:

»Fräulein Buchner — bitte auf die Szene!«

»Also, Langbeinchen, wieder mal: Hals- und Beinbruch!«

»Danke, Meister!«

Mit Wohlgefallen sah Franz Burg der weißen, stolzen Gestalt nach. Künstlerblut! dachte er, kennt nichts als sich und ihre Arbeit ... Alles andre ist Dreck ...

Und Jucunda schritt die Treppe hinunter. Alles grüßte mit vertraulicher Höflichkeit, wenn sie vorüberging: die Friseure, die Bühnenarbeiter, die Statisten, die Volontäre ...

Und in ihrer Seele schwoll die unbändige Lust des Schaffens. Es schwang und klang in ihr von dröhnendem Jambenstrom und schmelzender Trochäenklage ... »Frommer Stab, o hätt' ich nimmer mit dem Schwerte dich vertauscht« ... Kaum konnte sie das Maß, die scheue, entrückte Gebärde für die Stimmung des Anfangs finden, da sie noch ein schlichtes Hirtenmädchen ist, von geheimen Stimmen, phantastischen Visionen geängstigt, doch ihrer Sendung noch ahnungsvoll unbewußt ...

Und endlich rauschte die Gardine empor, wogte drunten das Gebraus, das wohlbekannte, von Zettelknistern und Räuspern und Zurechtrücken, klappten die Sitze der Zuspätkommenden, tönte das leise Zischen der Gestörten ... Und all dies wirre Durcheinander verebbte nach und nach, und die große schaurige Stille ward, in die ihrer Partner Verse hineinklapperten, wie eine belanglose Ouvertüre, ein gleichgültiger Auftakt des Augenblicks, da sie die ersten Worte zu sprechen haben würde ... Ach, aber wie endlos lang dieser Auftakt! Die kamen ja heut wohl gar nicht vom Fleck, der alte Thibaut, ihre Schwestern, die Bräutigame — biedre Chormitglieder, die heute ein paar Verse zu lallen hatten ...

Gesenkten Hauptes, stumm stand das Hirtenmädchen im Hintergrund ... Nur zuweilen hob sie zaghaft und scheu die großen Augen, ließ sie von einem zum andern flattern, als verstände sie die Sprache ihrer nächsten Menschen nicht mehr ... Und aus den verträumten Augen Johannas d'Arc spähte Jucunda Buchners ganz wacher, lauernder Sinn in den Zuschauerraum, dorthin, wo dicht an der Rampe links die Direktionsloge lag ... Die Lichter blendeten abscheulich — dennoch konnte sie allmählich ganz vorn, matt angestrahlt vom Widerschein des hellen Bühnentages, zwei Gesichter erkennen: ein fahles, junges mit der blinkenden Scherbe im Auge — und daneben ein verwettertes, tiefgebräuntes mit flatterndem Schnurrbart ... Also das waren die zwei — »von Dillingen — von Gorczynski« — das waren die Schreiber des verhängnisvollen Briefchens — die Spender des Rosenturms und der ... beiden ... blauen ... Lappen ...

Achtung jetzt! Bertrand kommt, den blinkenden Helm in der Hand, den »ein Bohemerweib« ihm aufgedrungen im Gewühl ... Gleich wird das Stichwort kommen ... Horch ... Die letzten Verse rannen hin: