»Dann verstehe ich nicht recht — Sie müssen doch schon in höhern Semestern sein und haben doch keinesfalls mehr die Pflicht zu üben — warum tun Sie's also?«

»Sie haben ganz recht zu fragen,« erwiderte der Privatdozent, »ich könnte längst außer Dienst sein. — Ich habe mich überhaupt erst in der Landwehr zum Offizier wählen lassen und mit Zittern und Zähneklappern vor sechs Jahren meine einzige achtwöchige Pflichtübung gemacht. Damals aber habe ich gefunden, daß mir diese Übung vorzüglich bekam, nicht nur körperlich, auch — ich möchte sagen — was meinen Charakter anbetrifft — — Wissen Sie, ein so fürchterlich ungewandter Mensch, wie ich nun leider Gottes einmal einer bin, für den sind solche acht Wochen beim Kommiß eine wahre Dressur. Wenn ich auch im bunten Rock eine ganz miserable Figur mache — ich weiß das leider nur zu gut — so hab' ich entdeckt: als ich damals nach Hause kam, da war für einige Zeit, etwa für zwei bis drei Jahre, jene lächerliche Scheu vor öffentlichem Auftreten und gesellschaftlichem Umgang von mir gewichen, die mich sonst zu einem wahren Einsiedlerdasein zwingt.«

»Aha, und darum sind Sie also in der Landwehr I geblieben — und wollen jetzt mal wieder acht Wochen 'ran, um sich sozusagen wieder mal ein bissel zurechtstutzen zu lassen!«

»Ja, allerdings, das war die Absicht«, meinte der Privatdozent. »Eigentlich ist die Übung für mich ein Martyrium, dem ich nur mit Grauen und Entsetzen entgegensehe — und ich weiß schon, daß ich während der ganzen Zeit aus einer Katastrophe in die andere taumeln werde — aber was hilft's — es muß nun einmal sein.«

»Ja,« lachte der Maler, »dann sind Sie allerdings zu bedauern — ich für meine Person freue mich, offen gestanden, ganz kolossal auf die Übung.«

»Das glaube ich,« sagte Frobenius, »Sie sehen auch so aus, als ob Sie Grund dazu hätten. Wenn mich der Schein nicht trügt, so sind Sie ein gerade so netter Kerl, wie Sie ein großer Künstler sind, und ich werde Ihnen etwas sagen: Sie werden mir einen Gefallen tun. Sie werden sich gelegentlich meiner ein bißchen erbarmen, wenn es mir gar zu jämmerlich geht, nicht wahr, Herr Kamerad?!«

Er streckte dem Maler die haarige Rechte hin, von der er den weißen Uniformhandschuh abgezogen hatte, und schallend schlug Martin ein.

»Das soll ein Wort sein, Herr Frobenius — ich denke, es soll recht nett werden, die acht Wochen hindurch — ich sehe gar nicht ein, was uns hindern könnte, uns die zwei Monate, die vor uns liegen, zu einem rechten Fest zu machen.«

Zweites Kapitel.

In dem hellen, luftigen Speisesaal des Offizierkasinos des Füsilier-Regiments Prinz Heinrich der Niederlande (14. Rheinischen) Nr. 186 war der Kasinovorstand, Oberleutnant Menshausen, damit beschäftigt, die Anordnungen für die Mittagstafel einer letzten Prüfung zu unterziehen. Er legte an der Hand eines Zettels, auf dem er die Tischordnung entworfen hatte, persönlich die Tischkarten, instruierte die Ordonnanzen und warf ab und zu einen Blick auf den Kasernenhof hinaus, wo im Schatten der Kasernengebäude die Bataillonsadjutanten die Befehlsempfänger der Kompagnieen um sich versammelt hatten, um die Tagesbefehle auszugeben. Drüben aber, im prallen Sonnenschein, trat die Wache an, und der Offizier vom Ortsdienst nahm die Meldungen der Wachhabenden entgegen.