— — Zu Hause, im ersten Augenblick des Alleinseins warf sich Agathe mit einem leisen Stöhnen an seine Brust, sah ihm tief in die Augen: »Ach, Martin, kommst du mir so wieder, wie du gegangen bist — —?«

»Aber Kind — was hast du nur?!«

Stumm zeigte ihm Agathe Cäciliens Bild und Brief ...

Tief atmend überflog Martin die seltsamen Zeilen ... Gott, sie sagten ihm ja nichts Neues ... er wußte ja doch schon ... Aber Agathe mußte beruhigt werden ...

Wie sie so vor ihm stand, da glich sie so ganz wieder jener Gestalt, die das Faustbuch von Wilhelm Frobenius in seiner Phantasie lebendig gemacht ... ganz wie Gretchen sah sie aus, die bebenden Herzens den Geliebten fragt, ob er glaube, glaube an eine ewige Macht, die den Wandel unseres Schicksals lenkt ...

Und in einem Wirbel des Gefühls riß er die geliebte Gestalt in seine Arme und küßte die schweren Tränen aus seines Mädchens Augen ...

Aber während er die bebende Braut an seinem Herzen hielt, fühlte er mit Grausen, daß er einer andern denken mußte ... immerzu ... immerzu einer andern ... so, wie sie ihm gegenüber gestanden hatte in der letzten Stunde zweieinsamen Beisammenseins ...

Das Bewußtsein, daß diese Stunde niemals wiederkommen werde, hatte beiden mit jähem Griff plötzlich die Kehle ... das Herz umschnürt ...

Herrgott, warum gab es Schranken in der Welt? — Was half dem Künstler die Phantasie — die allmächtige, allerfassende, die ihn die grenzenlosen Reiche der Schönheit nur darum in all ihrer Herrlichkeit überschauen lehrte, damit das Leben selbst ihn dann immer wieder ausschlösse von dem Besitz alles dessen, was er viel tiefer doch als andere empfand ... viel tiefer verstand ... viel tiefer hätte genießen können ...

Martin hatte die Zähne zusammengebissen ... hatte das letzte Aufgebot all seiner Seelenkräfte in sich aufgerufen zu keuchendem Kampfe gegen die Versuchung, dies Weib in seine Arme zu schließen ... das Weib des vertrauenden Mannes, des Vorgesetzten, des Kameraden ... Und er wußte es wohl: die Glut all dieser verschwiegenen Kämpfe hatte er seinem Werke eingehaucht ... Er wußte: es war sein bestes geworden.