Der Drachenfels hatte seine Wahrnehmung bereits festgelegt. Und die war: Einige der Damen des Regiments hatten sich einer entschieden zu starken Bevorzugung des nicht aktiven Elements unter den Herren schuldig gemacht.
Auf der Bühne, wo vorher der Eintracht lieblicher Genius mit herzbewegenden Worten die stille Friedenstätigkeit des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande gepriesen, war nun der Areopag der alten Damen versammelt. Da thronte inmitten die Kommandeuse und handhabte eifrig das Lorgnon; zu ihrer Rechten Frau von Sassenbach, zur Linken Frau von Czigorski. Und um die drei Säulen des Regiments herum gruppierten sich die übrigen Damen, die Gattinnen der Podagristen aus Pensionopolis ... Nur ein einziges jugendliches Gesicht in ihrer Mitte, die Frau Hauptmann Haller, eine sehr lebenslustige Frau von dreißig Jahren, die diesmal schweren Herzens auf die Freuden des Tanzes verzichten mußte, da sie ihren drei Buben noch ein Geschwisterchen bestellt hatte.
Die rechte Flanke, wo Frau von Sassenbach saß, sprach nur von Frau von Brandeis; was die Herzen der Gruppe außerdem bewegte, durfte mit Rücksicht auf die Majorin nicht zu Worte gelangen. Um so eifriger betuschelte dafür die linke Seite die allgemeine Beobachtung, daß Frau von Brandeis heut abend nicht die einzige Dame war, die sich mit Vorliebe an gewisse Herren des Beurlaubtenstandes hielt.
Schon bei Tische hatte man bemerkt, daß das ältere Fräulein von Sassenbach sich weit weniger um ihren Tischherrn bekümmerte, den ernsten und zielbewußten Regimentsadjutanten, als vielmehr um ihr Gegenüber, diesen unmöglichen Herrn von der Landwehr, dessen schwarzblauer Waffenrock mit den altmodischen großen Knöpfen, dessen riesige Epaulettes und dessen trikotartig knapp die hagern Beine umschließenden Hosen allgemeines Entsetzen erregt hatten.
Ja, und kaum war die Tafel aufgehoben, da hatte sich Fräulein Nelly alsbald im Rauchzimmer eingefunden und bei einer Zigarette mit dem merkwürdigen Bekannten weiter geplaudert.
Dann allerdings war der Tanz in seine Rechte getreten. Der schien nicht die starke Seite des eingezogenen Herrn zu sein; denn er stand meist in der Tür des Rauchzimmers und schaute durch seine riesigen Brillengläser mit behaglicher Betrachtung in das Gewühl des Tanzes hinein. Wer ihn aber genauer beobachtete, konnte wohl bemerken, daß sein Blick ein bestimmtes Ziel verfolgte ...
Nelly Sassenbach wanderte von einem Arm in den andern. Stets, wenn sie an Herrn Leutnant Frobenius vorbeistrich, flog ein rascher, stiller Blick des Einverständnisses zu ihm hinüber ...
— — Ja, Wilhelm Frobenius sah nichts als seine Retterin ... War sie nicht just das Gegenteil alles dessen, was er an Weiblichkeit bisher gekannt ... und war sie nicht zugleich die Verkörperung seines erträumten Frauenideals ...?!
Er hatte in der Literatur vor allem immer für die heroischen Mädchengestalten geschwärmt, wenn auch seine vielbewunderte stilistische Meisterleistung die Analyse der Gretchengestalt war. — Sein Herz zog ihn vielmehr zu den ausgesprochenen Mannweibern der Dichtung ... freilich im Leben war ihm dergleichen niemals begegnet ... ach, ihm waren überhaupt wenig Frauengestalten begegnet im Leben ...
Von den Damen des Regiments interessierte ihn, außer Nelly, nur noch eine, jene, von der sein Kamerad und Freund Flamberg ihm doch in einem Ton erzählt hatte, aus dem selbst ein noch naiveres Gemüt als er hätte herausfühlen müssen, daß sie ihm mehr gewesen denn nur ein Modell ...