Als Flamberg ihm ins Auge sah, war sein erster Gedanke der Wunsch: »Den möchtest du malen!«
Auf der noch jugendlich elastischen, gertenschlanken Reiterfigur ein bronzener Kopf mit scharfgezogener Nase, darunter zwei graue Schnurrbartflämmchen; der Kopf, die ganze Gestalt beherrscht von tiefliegenden, doch hell und groß gezeichneten grauen Augen; die hatten die Gewohnheit, mit zwei raschen Blicken die Gestalt dessen, der vor ihnen erschien, gleichsam abzustreifen; dann bohrten sie sich mit bannender Gewalt in die Augen des Gegenübers ein, drangen mit unwiderstehlichem Leuchten bis in die Tiefe.
Die Reserveoffiziere hatten sich in einer Reihe aufgestellt. Oberleutnant der Reserve Brassert, der behäbige Gymnasialprofessor, war dem Dienstgrad nach der älteste, und so war es denn an ihm, dem Obersten entgegenzutreten und ihm die sechs eingezogenen Herren zu melden.
Der Oberst überflog mit den zwei raschen Blicken die Gestalt des Vertreters der Herren des Beurlaubtenstandes; dabei zuckten die beiden Schnurrbartflämmchen und der herrische Mund darunter einen Augenblick, aber eisern blieb das Gesicht, nur die Augen lachten, als er mit leichtem Dank der weißbehandschuhten Hand erwiderte: »Ihren Namen, Herr Oberleutnant, wenn ich bitten darf!«
Als Brassert sich genannt, ließ er sich dessen Stand angeben, und seine Antwort: »Ah so!« schien darzutun, daß er nun den Duft der Studierstube, welcher der Erscheinung des Angeredeten anzuhaften schien, begreife.
Der Oberst ging die Reihe entlang und wiederholte die Frage nach Namen und Stand. Dann trat er mit ein paar raschen Schritten vor die Mitte der Herren, streifte noch einmal kreuz und quer mit den Augen ihre Front ab und sprach:
»Meine Herren, ich begrüße Sie. Ich habe mir erzählen lassen, daß das Regiment, das zu führen ich seit kurzem die Ehre habe, einen überaus tüchtigen Ersatz an Reserveoffizieren sein eigen zu nennen das Glück hat. Ich kann also mit vollem Vertrauen Ihrer Mitwirkung an unserer gemeinschaftlichen Arbeit entgegensehen. Wer, wie ich, zwei Feldzüge mitgemacht hat, weiß, was die Armee an den Offizieren des Beurlaubtenstandes besitzt. — Sie kommen zu uns, um bei uns zu lernen — ich bin aber überzeugt, daß Sie uns auch etwas mitbringen: Sie bringen uns einen Gruß des Volkes, zu dessen Schutz wir bestimmt sind. — Sie bringen uns einen Gruß der Geistesarbeit, die unterm Schirm unserer Waffen gedeihen soll. — In diesem Sinne begrüße ich Sie alle — als das lebendige Band zwischen dem aktiven Offizierkorps und dem Volk, um dessentwillen wir alle da sind. — Ich wünsche Ihnen, daß Sie sich wohl fühlen in unserer Mitte, und daß Sie nach Ablauf Ihrer acht Wochen nicht nur gebräunt und gekräftigt, sondern auch an militärischen Kenntnissen bereichert und durch freudige Erinnerungen gefördert an die Stätte Ihrer Lebensarbeit zurückkehren mögen. Ich danke Ihnen, meine Herren!«
Er grüßte, und wiederum flogen die Hände der eingezogenen Herren an die Helmschienen.
Nun wandte er sich zu den Stabsoffizieren, welche bisher, von den Hauptleuten und aktiven Leutnants umringt, den Worten des Obersten zugehört hatten, und schritt im Geplauder dem Korridor zu, der auf das Regimentsbureau führte.
Kaum war er verschwunden, da löste sich die feierliche Erstarrung, und die Gruppen der aktiven und Reserveoffiziere vermischten sich zu lautem Gelächter, schnarrendem Geplauder — und säbelrasselnd, sporenklirrend schritten die Herren über den hallenden Kasernenhof zum Kasino hinüber.