An allen Fenstern der endlosen Fronten wurden neugierige Köpfe sichtbar — an allen Waschtrögen standen Gruppen von Soldaten in Feldmützen und Drillichzeug, die nun ihre Arbeit unterbrachen und, Bürsten und Monturstücke in der Hand, zur vorgeschriebenen Haltung erstarrten, bis die Gruppe der Offiziere an ihnen vorüber war.
Und als nun die ersten der Herren die Stiegen der Treppe zum Kasino betraten, da scholl von drinnen der schmetternde Klang der Regimentsmusik, die den Einzugsmarsch der Gäste aus Tannhäuser den einrückenden Kameraden entgegensandte.
Nach wenigen Minuten, die man harrend und plaudernd im Rauchzimmer zugebracht, erschien der Kasinovorstand Oberleutnant Menshausen und bat die Herren zu Tisch.
In breiten Güssen fiel die langsam sinkende Nachmittagssonne durch die hohen Fenster des Speisesaales über die hufeisenförmig aufgestellten Tische, auf denen heute zur Feier des Tages der reiche Silberschmuck des Regiments blinkte, umgeben von einer wahren Überlast bunter Herbstblumensträuße, die dem Garten des Kasinos entstammten — und um die Tafel gruppiert etwa vierzig blühende Jugendgestalten — von dem Kommandeur des ersten Bataillons, Major von Sassenbach, der als einziger Stabsoffizier an der Tafel teilnahm, bis herunter zum blutjungen Fahnenjunker, der kaum der Presse entschlüpft war und sich im Rock des Füsiliers und angesichts so vieler Vorgesetzter kaum zu rühren — kaum den Mund aufzutun getraute.
Allen diesen Erscheinungen gemeinsam war der vorschriftsmäßige Schnitt des Haars, soweit sich dies nicht schon verflüchtigt hatte und spiegelnde Stirnen oder Glatzen freiließ — war gemeinsam der modische Bürstenschnitt des Schnurrbarts, gemeinsam die straffe Haltung, die lebhaften und doch gemessenen Bewegungen, der scharfe Klang der Stimmen, die gewohnt waren, im Gelände weite Entfernungen zu beherrschen oder sich durch das Rollen des Schnellfeuers hindurch Geltung zu verschaffen.
Auf den ersten Blick aber waren die Herren des Beurlaubtenstandes an der bleichern Hautfarbe, der etwas nachlässigern oder steifern Haltung, dem mehr ins Geistige gewandten Ausdruck der Gesichter und Augen zu unterscheiden. Doch das alles würde sich nun bald verwischen — waren doch diese sechs Männer nur hierhergekommen, um wieder Soldaten zu werden, um sich wieder einzufügen in den gewaltigen Organismus, in dem auch sie nichts als dienende Räder sein sollten und sein wollten.
Diese Einfügung und diese Anpassung, so sagte Flamberg sich stillsinnend, diese Verschmelzung würde ihnen der Geist der Kameradschaft erleichtern. Der Geist der Kameradschaft, der alle, denen Seine Majestät Epaulettes und Schärpe verliehen hatte, zu einer großen Schar von Verbrüderten zusammenschloß, in der ungeachtet aller Abstufungen der Begabung und militärischen Befähigung, ungeachtet aller Klüfte der Herkunft und der Anschauungen, jeder gleichberechtigt war, in der es keine andern Unterschiede gab, als die der Dienststellung — und auch diese Unterschiede galten nur im Dienst — außerhalb des Dienstes gab es nicht Vorgesetzte, nicht Untergebene — gab es nur ältere und jüngere Kameraden — gab es nicht aktive Offiziere und nicht Offiziere des Beurlaubtenstandes — gab es nur Offiziere, das heißt: Träger des einen preußischen Soldatengeistes, der inmitten aller Wandlungen der Weltanschauung und der sittlichen Begriffe das alte Ideal der Ritterlichkeit verkörperte, das die Heere des Großen Kurfürsten, des Alten Fritzen, das Heer der Befreiungskämpfer, wie die Scharen Wilhelms des Siegreichen durch Nacht zum Licht, durch Kampf zum Siege geführt hatte.
Und dieser Geist der Kameradschaft, so ernst er sich betätigte im Dienst und in dem, was dem Dienste gleich galt: in der Auffassung jeder großen Lebenspflicht — in der Sphäre der Geselligkeit erwies er sich als ein heiterer Geist, ein Geist freudiger Lebenslust.
Munter schwirrten die Gespräche hinüber und herüber — noch war kaum der erste Gang serviert, da traten an die Stelle der hellgrünen Moselflaschen die goldbekapselten der Sektspezialmarke des Kasinos. Munter knallten die Pfropfen — und in den Spitzgläsern perlte der weiße Schaum: »Luxus und Wohlleben griffen um sich.«
Major von Sassenbach schlug ans Glas. Er war kein großer Redner vor dem Herrn — es fiel ihm schwer, selbst nur ein paar formelhafte Begrüßungsworte zusammenzustottern, und sein Adjutant, der Leutnant Blowitz, den er mit diesem ausdrücklichen Auftrage sich gegenüber gesetzt hatte, mußte ihm soufflieren.