Herr Leutnant der Landwehr Frobenius saß stumm und einsilbig zwischen dem stummen und einsilbigen Kompagniechef, dem Hauptmann Goll, und dem Oberleutnant Menshausen, dem Kasinovorstand, während ihnen gegenüber als dritter Offizier der Kompagnie der Leutnant Quincke saß, ein junger, blasierter Bursch mit glattrasiertem Gesicht — verlebten Zügen — die Scherbe ins rechte Auge geklemmt. Menshausen und Quincke nahmen von dem Kameraden der Landwehr kaum Notiz — unterhielten sich über den Tisch hinüber geflissentlich über Personen und Fragen, an denen der eingezogene Herr nicht das geringste Interesse nehmen konnte.
Und der Hauptmann, ein finsterer Junggesell mit starrem, schwarzem Haar und struppigem Schnurr- und Vollbart, sprach überhaupt nichts, füllte nur zuweilen die Gläser seiner Untergebenen und trank dem Gaste schweigend zu.
Als Frobenius erst gemerkt hatte, daß man ihn schlecht behandeln wolle, tat er instinktiv das einzige, was in dieser Situation für ihn möglich war — er schwieg nämlich ebenfalls vollständig und machte nicht den leisesten Versuch, die Zurückhaltung der aktiven Herren durch entgegenkommende Liebenswürdigkeit zu überwinden.
Schließlich bemerkte der Oberleutnant, daß die rücksichtslose Nichtachtung, mit der die aktiven Herren den Gast behandelten, dessen Hilflosigkeit immerhin ein gewisses Mitleid erregte, allgemein auffiel, und ließ sich nunmehr herab, ein Gespräch mit ihm zu beginnen.
»Sagen Sie mal, Herr Leutnant Frobenius,« hub er an, »was sind denn Sie eigentlich im Zivilverhältnis?«
»Ich bin Privatdozent an der Universität Bonn.«
»Hm — was dozieren Sie denn also privat?«
»Ich lese deutsche Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts bis zur Gegenwart.«
»Aha,« sagte Menshausen, »ich kann mir zwar dabei nichts Rechtes denken — aber es ist ja jedenfalls was sehr Gelehrtes! Nun sagen Sie mal, was wollen Sie denn nun eigentlich bei uns? Macht Ihnen das denn wirklich Vergnügen, hier so acht Wochen lang in Uniformen von vor fünfzehn Jahren herumzulaufen und sich mit Ihrer Unkenntnis des neuen Exerzierreglements vor hundertzwanzig Bauernlümmels und Fabrikarbeitern lächerlich zu machen?«
Frobenius richtete sich ein wenig auf: »Herr Oberleutnant Menshausen — ich bin mir wohl bewußt, daß ich hierherkomme, um zu lernen — ich habe aber auf der andern Seite während meiner früheren Übungen die Beobachtung gemacht, daß Bauernjungens und Fabrikarbeiter ein ziemlich feines Gefühl dafür haben, wer vor ihnen steht, — und hinter der vielleicht etwas veralteten Uniform und der mangelhaften Dienstkenntnis des Landwehroffiziers die überlegene Intelligenz respektieren, die ihnen in der Person eines Mannes der Wissenschaft gegenübertritt. Diese einfachen Leute wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der formgewandten Nullität und dem Geist, der sich im Notfall — daß heißt im Falle der wirklichen Not, meine ich — von selbst die Form schafft, die der Augenblick verlangt.«