»Ja, verzeihen Sie, Herr Leutnant Frobenius,« sagte der Oberleutnant, »Sie drücken sich so gewählt aus, daß ich nicht zu folgen vermag — was wollen Sie eigentlich mit Ihrem Erguß sagen?«

»Ich will versuchen, mich Ihnen deutlich zu machen«, erklärte Frobenius. »Wir Landwehroffiziere sind, das erkenne ich ja an, im Frieden scheinbar ein wenig deplaciert inmitten der jungen, dienstkundigen aktiven Herren — aber wir sind auch gar nicht hier, um in Ihrer Mitte gute Figur zu machen — wir wollen lernen — lernen einzig und allein für den Krieg — und glauben Sie mir, Herr Oberleutnant, im Kriege kommt es weder auf gutsitzende Uniform noch auf die Kenntnis jeder neuesten Phase der Taktik der Saison an — da entscheiden ganz andere Faktoren. Da möchte vielleicht plötzlich mit dem Mobilmachungstage eine Umwertung der Werte stattfinden, und diesem Tage entgegen bewegt sich alle Hoffnung, die ich mit meinem Aufenthalt im Kreise des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande verbinde.«

»Ah so,« sagte Menshausen, »ich verstehe — Sie haben militärischen Ehrgeiz — wollen womöglich noch gar Hauptmann der Landwehr werden?«

»Allerdings will ich das,« erwiderte Frobenius ruhig, »zurzeit übe ich auf Beförderung zum Oberleutnant.«

»Allen Respekt!« meinte Menshausen, »das hätt ich Ihnen nun nicht angesehen — können Sie denn auch reiten?«

»Gewiß kann ich reiten,« erklärte der Privatdozent. »Ich meine, das versteht sich wohl von selber, da ich Ihnen sagte, daß ich die Beförderungsübung zum Oberleutnant mache.«

Aber er konnte nicht wehren, daß ihm bei der Erwähnung des Reitens selber ein wenig bänglich zumute wurde. Er hatte erst im Frühjahr mit Zittern und Zagen zum ersten Male einen Gaul bestiegen, war beim ersten Antraben vom Woilach heruntergekugelt wie eine Klammer von der Wäscheleine und hatte sich das Schultergelenk dermaßen ausgerenkt, daß er den linken Arm drei Wochen lang hatte in der Binde tragen müssen. Nach Ablauf dieser drei Wochen hatte er mit noch hörbarerm Zähneklappern den Reitunterricht wieder aufgenommen, und seine Scheu vor dem wilden, gefährlichen Tier, das dem Menschen nach dem Leben trachtet, endlich soweit überwunden, daß er mit der Zeit in der Reitbahn sich wenigstens auf den allerfrömmsten Kleppern hatte halten können. Ja, in den letzten Wochen vor der Übung hatte er sogar in Gesellschaft des Reitlehrers und einiger Damen der Bonner Gesellschaft einige Ausritte ins Gelände unternommen und war stets mit heiler Haut davongekommen, mit Ausnahme einer unangenehmen Begegnung, die er mit einem vorüberbrausenden Eisenbahnzuge gehabt hatte, und nach deren Verlauf er sich mit zerschundenem Gesicht, zerbeultem Hut und zerschlagenen Knochen in einem Chausseegraben wiedergefunden hatte, während seine Rosinante ohne seine Leitung ihre Futterstelle wiedergefunden hatte.

Der Gedanke also, demnächst hoch zu Roß vor der Front auftauchen zu müssen, erfüllte ihn mit einem Unbehagen, das zu überwinden er seines ganzen Mannesmuts bedurfte. Wenn aber etwas noch gefehlt hätte, um ihn in dieser Hinsicht zu äußerster Energie aufzustacheln, dann waren es die spöttischen Blicke und Redensarten des Kasinovorstandes.

Er beschloß in diesem Augenblick, allen Gefahren kühnlich zu trotzen und zu Pferde zu steigen mit der ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der er sonst alle Morgen auf seinen Katheder kletterte, um seinen Hörern die Geheimnisse des zweiten Teils von Goethes Faust zu erklären.

Oberleutnant Menshausen bemerkte mit Vergnügen, daß der Landwehronkel bei der Erwähnung des Reitens, trotz seiner heroischen Worte, still und um einige Schattierungen blässer geworden war. Über den Kameraden hinweg fragte er den Hauptmann Goll: »Gestatten Herr Hauptmann eine Frage: Ist nicht morgen früh Ausbildung der Mannschaften im Entfernungsschätzen?«