»Na ob!« grinste Quincke, »das ist ja das verrittenste Pferd in der ganzen Garnison. — Na, wenn der Landwehronkel auf Kuno überhaupt aus dem Kasernenhof 'rauskommt, dann garantier ich jedenfalls: 'rein kommt er nicht wieder!«
In diesem Augenblick hob Major von Sassenbach die Tafel auf, und alsbald empfahlen sich die Vizefeldwebel der Reserve und die Avantageure, indem sie in die Mitte des Hufeisens traten und erst vor dem Tischältesten Front machten, dann nach rechts und links desgleichen; dabei schlugen die Hacken zusammen, daß es nur so krachte.
Und nun schwirrten die Ordonnanzen von allen Seiten mit den brennenden Lichtern herein, und das gelbe Flimmern der flackernden Flämmchen vermählte sich mit dem dunklern Gelbgold der Abendsonne, die gebrochen durch die leise sich wiegenden Kronen der Bäume des Kasinogartens in die hohen Bogenfenster strahlte. Bald kräuselten sich bläuliche Tabakwölkchen hinein — und noch ungezwungener rauschte nun das Geplauder, noch lebhafter wogte das Hinüber und Herüber der Scherze — des Zutrunks — und bald war den Offizieren der Reserve wieder zumute, als seien die Monate und Jahre »im schlichten Gewande der Bürgerlichkeit«, die seit dem letzten Abschiedstrunk im Kasino verflossen waren, nur ein Traum gewesen, und als sei dies Leben im bunten Rock ihre eigentliche Existenz — als sei die Schar der Kameraden, in deren Mitte sie nun wieder eingetreten waren, das Milieu ihres Lebens.
Sie waren riesig vergnügt, die Herren des Beurlaubtenstandes. Der geschniegelte und pomadisierte Leutnant der Reserve Klocke schwamm in Seligkeit. Herr Kamerad hier, Herr Kamerad dort, so schmetterte das nach allen Richtungen hinüber und herüber — als trüge er eine Sprungfeder im Leibe, so schnellte er jedesmal empor, wenn ein Vorgesetzter ihm zutrank, und leerte mit Begeisterung seinen Kelch, nur daß im Laufe der Zeit seine Augen immer stierer, sein Gesicht immer röter, seine Bewegungen immer unsicherer und die Scherze, die er zum besten gab, immer gewagter wurden und je länger je mehr nach dem Coupé dritter Klasse schmeckten.
Ihm schräg gegenüber saß im Kreise seiner zukünftigen Kompagniekameraden der Referendar Dormagen. Als Sohn eines rasch reichgewordenen Industriellen hatte er heute das Gefühl, daß es eigentlich ein Skandal sei, daß er nicht Kavallerist geworden. Aber vor sechs Jahren, als er einjährig diente, hatte sein Vater noch nicht den großen Schlag mit dem neuerfundenen Trockenelement gemacht, und erst in den letzten Jahren — leider — waren die Verhältnisse seiner Familie so plötzlich emporgeschnellt. Nun blieb nichts übrig, als in der Mitte der Fußinfanteristen wenigstens nach Kräften mit seinem Gelde zu imponieren. So ließ er denn eine Flasche Pommery nach der andern anfahren, und allmählich sammelte sich um ihn eine Gruppe von jüngern Offizieren, die, mit nicht allzu reichlichem Zuschuß gesegnet, einen Freitrunk sich nicht gern entgehen lassen mochten. In ihrer Mitte markierte Dormagen nun den großmütigen Gastgeber, wogegen seine Gäste sich verpflichtet fühlten, andachtsvoll seinen Schwadronierereien zu lauschen und ihm eifrig zuzutrinken. Sein Kompagniechef hatte sich bereits unmittelbar nach Aufhebung der Tafel, peinlich berührt durch des jungen Herrn siegesgewisses Auftreten, an den mittlern Tisch des Hufeisens zurückgezogen, wo sich nun allmählich die ältern Herren bei Kaffee und Münchner Bier konzentrierten.
Inmitten dieser ältern Herren saß auch der Oberleutnant der Reserve Brassert, ein behäbiger Süddeutscher, und freute sich königlich, daß er der Pflicht entronnen war, den rüpelhaften Primanern die Geheimnisse des Äschylos zu erschließen. Er übte seit einem Dezennium nahezu Jahr um Jahr, teils weil es für ihn, den Beamten, dessen Gehalt während der Übung weiterlief, eine überaus billige Sommerfrische war, teils weil sein immer mehr anschwellendes Bäuchlein die scharfe Entfettungskur dieser acht Wochen sehr notwendig brauchte. Die Hauptleute waren seine Altersgenossen und überdies auch von gleichem Dienstalter wie er, und so fühlte er sich in ihrer Mitte behaglicher als zwischen den jungen Dächsen von Leutnants, deren Charge er teilte, die ihn aber zu peinlich an seine kaum verlassenen Primaner erinnerten.
Behaglich schmunzelnd und kräftig qualmend saß er inmitten der ältern Offiziere. Den Kragen seines Überrocks, der übrigens mit Rücksicht auf sein gewaltiges Doppelkinn ohnehin nicht mehr denn Fingersbreite hatte, trug er aufgeknöpft, ebenso wie die obersten vier Knöpfe seines Überrocks, und bedauerte nur im stillen, daß er den Rock nicht ganz ausziehen konnte, wie auf der heimatlichen Kegelbahn im Kreise seiner Kollegen.
An einzelnen Tischen waren indessen allmählich große Lücken entstanden — manche der Herren hatten sich erhoben, um sich ins Spielzimmer zum Skat zu setzen — manche hatten auch die unangenehme Pflicht, noch eine späte Instruktionsstunde abzuhalten.
Eine kompakte Gruppe hockte indessen noch um das Ende des linken Hufeisentisches zusammen, wo der Leutnant der Reserve und Forstassessor Troisdorf mit Leutnant von Finette zusammensaß. Die beiden Niederrheinländer sprachen seit zwei Stunden nur noch kölnisch-platt und erzählten einander die haarsträubendsten Anekdoten von Kölner Marktweibern und »Rheinkadetten«, den lungernden Lastträgern des kölnischen Rheinhafens. Von hier scholl immerzu schmetterndes Gelächter in den Saal hinein, so daß ab und zu einer oder der andere der Hauptleute herantrat und ein Weilchen zuhörte. Auf die Dauer war indessen eine solche Flut von mehr oder weniger unappetitlichen Scherzen nur für Leutnantsmägen erträglich.
Immer schneller, fast unbemerkt, entflohen den Zechenden und Plaudernden die Stunden.