Der Major von Sassenbach hatte seit längerer Zeit beobachtet, daß der hilflose Landwehroffizier, der mit seiner riesigen, goldenen Brille und seinem langen, braunroten Bart so gar nicht in die militärische Umgebung zu passen schien, das wehrlose Opfer der Scherze des Oberleutnants Menshausen und des Leutnants Quincke war. Sassenbach liebte die beiden Herren nicht — ihm, dem schlichten Haudegen, waren die kalten Spötter und Monokelträger zuwider — er rief zu der Gruppe hinüber: »Herr Leutnant Frobenius, wollen Sie mir das Vergnügen machen, noch eine Flasche mit mir zu trinken?«
Frobenius war seelenvergnügt — er fuhr diensteifrig in die Höhe, wobei er den hochlehnigen, gotischen Stuhl umwarf, und schob mit etwas unsicherm Gange zu seinem Bataillonskommandeur hinüber. — Bald waren beide in ein herzliches Geplauder vertieft.
»Aha,« schnarrte Menshausen zu Quincke hinüber, »sehn Sie woll — ein neuer Schwiegersohn ist auf der Bildfläche erschienen, der muß gleich festgenagelt werden — ja ja, man muß sich dazu halten. Nelly ist sechsundzwanzig und Molly neunzehn — und der Landwehrfritze macht 'nen kolossal heiratsfähigen Eindruck.«
Hauptmann von Brandeis hatte sich schon seit geraumer Zeit empfohlen. Die üblichen Scherze hatten den Aufbruch des jungen Ehemannes begleitet, und schmunzelnd hatte er quittiert.
Flamberg schlenderte von einer Gruppe zur andern — ließ sich bald hier, bald dort zu einem kurzen Geplauder nieder und sog die Stimmung der Stunde in sich hinein. — Mit Wonne verfolgte sein geschulter Blick das langentwöhnte Schauspiel, wie sich nun das rötlichgelbe Licht der Kerzen, das tiefe Goldbraun des Sonnenuntergangs, das hellere Gelb der elektrischen Kronleuchter von droben her, der bläuliche Tabaksdunst, der in breiten Schwaden über den Gruppen lagerte, mit dem Blau und Rot der Uniformen, den goldenen Reflexen auf den Monturknöpfen und der satten Sonnenfarbe der gebräunten Gesichter verwob. — In seinen Adern glühte der Sekt, schäumte die freudige Hoffnung auf acht Wochen eines neuen, verwandelten Lebens voll farbiger Eindrücke, voll harmlos heiterer Erlebnisse.
Aber als nun mit dem Fortschreiten des Gelages die Kehlen immer rauher wurden, die Luft immer dicker — da meinte er den Augenblick gekommen, sich dem Feste zu entziehen und ungetrübt das erschaute Bild heimzutragen.
Nach einer kurzen Wanderung durch die stillen Straßen des Kasernenviertels stand er in der engen Mietbude, deren schäbige, zerschlissene Trivialität so seltsam kontrastierte gegen den künstlerischen Reiz seiner verlassenen Junggesellenhäuslichkeit, kontrastierte auch gegen den süßen Hoffnungstraum von einem künftigen Daheim, den er seit Wochen mit seinem Schatz gesponnen.
Schwül war die Luft im Stübchen — er stieß die Fenster auf — und vom tiefschwarzen Himmel nieder flammten tausend freundliche Sterne. — Da mußte er von seinem Mädchen träumen — sie hatte ihm das Versprechen abgenommen, allabendlich zum Himmel aufzuschauen und heimwärts zu ihr zu denken — und er dachte heimwärts.
Eine große, tiefe Ruhe war in seiner Seele — ein Heimatbewußtsein — das traute Wissen, verankert zu sein im tiefsten Grunde des Erdenseins, in einem Herzen, das nichts als Liebe war für ihn.