»Ach, Mädel,« sagte der Maler, »das alles vergess' ich erst, wenn ich dich hab' ... wenn ich dich ganz hab' ...«

»In acht Wochen,« hauchte die Braut, »morgen in acht Wochen!«

Sie richtete rasch das glühende Köpfchen auf, sah dem Geliebten tief ins Auge und sagte voll eindringlichen Ernstes: »Martin, ich weiß, was für ein toller Bursch du bist! — Versprich mir eines: Verspar dich für mich ... nicht zu wilde Sachen machen, verstehst du mich? ... keine zu unruhigen Pferde reiten ... nicht wieder durch jeden See schwimmen, der am Ruhetage gerade zu erreichen ist, und« — mit halb mütterlich besorgtem, halb schwesterlich schwärmerischem Lächeln — »nicht zu viel trinken, verstehst du? ... Jedesmal, wenn du eine Flasche Sekt bestellen willst, denk: ich werd' sie mir sparen, um sie hernach mit meiner kleinen Frau auf der Hochzeitsreise zu trinken! Willst du mir das versprechen, Schlingel du ...?«

Martin hätte in diesem Augenblick weit mehr versprochen, wenn es hätte sein müssen ...

Ach, wie rasch war dies Aufflackern schelmischer Mädchenlust von dem zierlichen Gesichtchen verflogen, als nun eine Bewegung unter der harrenden Menge der Fahrgäste, als ein hurtiges Rollen von Gepäckkarren und ein fernes Brausen die Ankunft des Zuges verkündete, der ihr den Ersehnten auf acht Wochen entführen sollte!

Fest schmiegte sich das liebe Kind an den blauen Überrock ihres Reserveleutnants. Wieder standen Tränen in ihren Augen, als sie mit dem Ausdruck rücksichtsloser Sehnsucht ihr Antlitz zu ihm emporhob: »Behalt mich lieb, du ... hörst du ... behalt mich lieb ...!«

Da faßte er ihre beiden Hände und gab ihr den Abschiedskuß. »Morgen in acht Wochen, du, morgen in acht Wochen!«


Als eine Wendung des Zuges den Bahnhof und den weißen, winkenden Fleck inmitten wimmelnder Menschenmenge dem Blick entrückt hatte, ließ der Reisende sich mit einem tiefen Aufatmen in die grausammetnen Polster fallen. Er war zum Glück allein — dehnte sich und streckte alle Glieder in einem Gefühl unbeschreiblichen Behagens. Herrgott, war er glücklich ...!

Endlich überstanden, dieser zweijährige Kampf um dies Mädchen, das er, er, der Verwöhnte, der vielgefeierte junge Künstler, aus den hundert Gestalten, die ihn werbend umdrängten, sich ersehen hatte zur Gesellin seines ruhelosen Daseins. Nach einer harten Jugend voller Kampf, die ihn aus der behaglichen Enge des evangelischen Pfarrhauses einer kleinen bergischen Stadt hinausgeführt hatte in das wogende Dasein eines werdenden, machtvoll sich aufwärts ringenden Künstlers, war er seit kurzem an einem ersten Ziel ... Im Hauptsaal der Sezession in Berlin hingen seit dem Frühjahr allbestaunt nebeneinander zwei große Damenporträts von seiner Hand, die er mit weisem Bedacht als verblüffende Pendants für die Ausstellung in gleichem Format und Stil geschaffen hatte, obwohl sie bestimmt waren, an ganz verschiedene Plätze zu gelangen. Zur Linken die blonde Brünhildengestalt der Gräfin Amalie von der Schulenburg, einer Vollblutgermanin, eines Sterns der niederrheinischen Aristokratie, und neben ihr: die tiefbrünette und ebenso tief dekolletierte Rasseschönheit der Frau Kommerzienrat Mannheimer, der elegantesten und interessantesten Frau der Börsenkreise in Frankfurt am Main ...