Die Kritik hatte beide Bilder schlechthin als meisterlich gefeiert. Das Publikum wurde nicht satt, die Werke zu bestaunen, die ihren Schöpfer zum berufensten Verkünder des modernen weiblichen Schönheitstypus stempelten und in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Porträtmalerei geführt hatten.

Den ganzen Sommer über war Martin Flamberg von einem Hochsitz des Kapitals zum andern gezogen und hatte die erlesensten Exemplare glänzender Weiblichkeit mit einer Kunst festgehalten, die, weit entfernt von weichlicher Schmeichelei und Schönfärberei, doch ihre Gegenstände über die Sphäre gemeiner Wirklichkeit in eine Region idealer Kultur hineinzuheben verstand.

Und erst dieser junge Ruhm und seine notwendige Folge, das elementare Anschwellen seines Bankkontos, hatten den langjährigen Widerstand des Oberlandesgerichtspräsidenten, Geheimen Oberjustizrats Doktor van den Bergh und seiner freiherrlichen Gattin gebrochen und so dem trotzigen Zueinanderwollen zweier Menschen den Sieg gebracht, deren Verbindung ein Schlag ins Gesicht des Schicksals zu sein schien.

Der alte Präsident war der Typus eines starren ostelbischen Bureaukraten, und ihm wie seiner Frau war der Gedanke, ihre Einzige an der Seite eines Künstlers zu sehen, fast gleichbedeutend geworden mit dem völligen Verzicht auf die Liebe ihres Kindes.

Sie hatten es mit ansehen müssen, wie ihr Mädchen sich angesichts ihrer Weigerung schrittweise völlig von ihnen loslöste und in eine andere Welt hinüberwuchs, für deren Lebensgesetze ihnen auch der Schatten des Verständnisses abging. Sie hatten sich bis zur Verzweiflung gegen diese Schickung gewehrt und sich erst besiegt gegeben, als der Erwählte ihrer Tochter ihnen ziffermäßig beweisen konnte, daß seine Kunst wenigstens nicht eine brotlose sei, und daß sie für die materielle Zukunft ihres Kindes nichts zu befürchten haben würden, wenn sie schon seiner Seelen Seligkeit und das beglückende Bewußtsein innerer Zusammengehörigkeit in den Kauf hatten geben müssen.

Wie oft hatte sich Martin Flamberg in diesen Jahren der Kämpfe gefragt, ob es nicht richtiger sei, von dem raschen Bündnis, das eine Ballnacht besiegelte, zurückzutreten und sich den entsetzlich kraftvergeudenden Kämpfen nicht länger auszusetzen, die ihm jahrelang die Ruhe seines Lebens geraubt hatten — diese Ruhe, die er doch für seine Kunst so nötig brauchte.

Aber schließlich war es der gleiche zähe Künstlertrotz, der ihn in raschem Aufstieg zu der heute erklommenen Höhe geführt hatte — dieser selbe unbeugsame Trotz war es gewesen, der ihn an der einmal getroffenen Wahl hatte festhalten lassen, so oft auch in lockendster Gestalt von rechts und links die Versuchung an ihn herangetreten war, das Ziel seines Lebens auf mühelosere Weise zu erreichen.

Ach — das alles lag ja nun hinter ihm — das alles war verwunden — mußte und durfte vergessen werden. Der Termin seiner Hochzeit war festgesetzt. Auch hier hatte er den Sieg erzwungen, im Leben, wie in der Kunst.

Nun wollte er noch einer lange aufgeschobenen Pflicht genügen und seine vierte Reserveoffizierübung machen, um dann am Arme der Liebe die zweite Hälfte seines Lebens zu beginnen. Ja, diese achtwöchige Übung —! Er war ein begeisterter Soldat gewesen. Es hatte ihm Vergnügen gemacht, sich durch Luft und Sonne im Waffendienst herumzutummeln — es war ihm eine Wonne gewesen, von Zeit zu Zeit in die bunte Schlangenhaut des Kriegers zu schlüpfen und auch hier seinen Mann zu stellen.

Aber als nun langsam der Erfolg — als endlich jählings der Ruhm gekommen war — als er sich ganz durchdrungen hatte mit Künstlertum, da hatte er geglaubt, die militärische Phase seiner Jugend endgültig überwunden zu haben, und es war ihm schier ein unerträglicher Gedanke gewesen, sich nochmals für acht Wochen in den Zwang einer so ganz und gar anders gerichteten Lebensführung fügen zu sollen.