Oftmals hatte er vor dem Schritte gestanden, sich aus der Reserve des Regiments, dem er angehörte, gleich in die Landwehr zweiten Aufgebots überschreiben zu lassen und damit ein für allemal sich seinen militärischen Verpflichtungen zu entziehen ... und dann hatte er's doch nicht übers Herz gebracht; denn das Monogramm seines Regiments bedeutete für ihn zugleich die Erinnerung an fast zwei Jahre seines Lebens, denen er, das wußte er gar wohl, als Künstler sehr viel verdankte.

Verdankte vor allen Dingen seine genaue Bekanntschaft mit dem Wesen des Volkes, das sich ihm im erzwungenen Verkehr mit den Mannschaften und Unteroffizieren seines Regiments spielend erschlossen hatte.

Aber noch mehr verdankte er seinem Soldatentum:

Die sich dem Kulturmenschen sonst nur auf Reisen zu »kalt staunendem Besuch« erschließt ... die Natur ... zu ihr hatte er just als Soldat ein persönliches Verhältnis gewonnen, das seiner Kunst die reichsten Früchte getragen hatte. Er war ja nicht Landschafts-, sondern Porträtmaler, und die Richtung seines Strebens bannte ihn an den Salon, bannte ihn an eine Menschensphäre hoher Kultur, äußerster Verfeinerung und Naturentfremdung des gesamten Daseinsbetriebes — und so war es ihm geradezu ein Glück geworden, daß sein Dienstjahr und die Pflichtübungen in der Reserve ihn durch Jahre hindurch immer wieder in Zusammenhang mit dem Leben des Volkes und mit dem geheimnisvollen Wirken der Natur gebracht hatten. Er hatte fünf Manöver mitgemacht, und diese kriegerischen Übungen hatten ihm zahllose Bilder in die Seele geprägt, Bilder von taufrischen Sonnenaufgängen auf grüner Heide, in den Gebirgen der Eifel und des Hunsrücks — brütende Sonnenschwüle über flimmernden Ackerbreiten — traumstille Mondnächte — nebelverhangene, regentriefende Waldeinsamkeiten.

Und nun — da er wieder den bunten Rock angezogen — fühlte er wieder jene seltsame Wirkung, der er schon früher immer so gern sich hingegeben hatte — er fühlte sich plötzlich verwandelt werden — fühlte, wie er auf einmal ein anderer Mensch wurde — fühlte, wie das Gewand, das die Zugehörigkeit zu einer andern Kaste bedeutete, in ihm plötzlich Möglichkeiten seiner Seele freimachte, die unentwickelt geblieben wären in dem Leben seines eigentlichen und wahren Berufs.

Ach, wie schön, dachte Flamberg, nun einmal für acht Wochen nicht mehr der berühmte und umstrittene Künstler zu sein, sondern ganz wer anders!

Ein kleiner Leutnant — eine Nummer — ein Rad im großen Betrieb eines ungeheuren, wuchtig und sicher arbeitenden Mechanismus.

Untersinken in einer Menge — nicht mehr wollen dürfen, sondern einfach müssen — sich korrigieren und anschnauzen lassen müssen — hinter sich ein Fähnlein grobknochiger Söhne des Volkes — um sich herum die Bilder eines bunten und fremden Lebens.

Wieder im Gefecht sprungweise über den Stoppelacker und durch Waldesdickicht vorgehen müssen — umbrüllt vom rollenden Hurra und knatternden Schnellfeuer, umschrillt vom vorwärtsdrängenden Kreischen der Signalhörner, vom dumpfen Sturmmarsch der Tambours, um dann am Ziel, Auge in Auge mit dem friedlichen Feind, sich lachend und keuchend an die Erde zu werfen und in rasch gefundenem Schlummer zwischen braunen Schollen und gelbblühenden Ginsterstauden auszuruhen — und dann gestärkt und genesen heimzukehren — ein erneuter, verjüngter Mensch, wie Antäus aus der Umarmung seiner Mutter, um wieder zum Pinsel zu greifen und aufs neue Schönheitswelten aus dem Nichts zu schaffen.

Ach, und dann galt es ja bei dieser Heimkehr den Einzug in das Land des Menschenglücks — galt es die Vereinigung mit ihr, die er sich zur Gesellin seines Daseins erlesen — mit ihr, die er trotzig herausgerissen aus einer fremden, starren Welt, um sie mit sich hineinzuführen in die glückselige, heitere Region, in der sein eigenes Dasein sich sonnig entfaltete.