Der Vater und seine Älteste wußten sich einig in dem Gedanken: der Freier, der Mama von Sassenbachs Beifall fände, der sollte noch geboren werden. Unter den jungen Leuten von heute hatte Mama von jeher fürchterliche Musterung gehalten — und keinen gerecht befunden.
Nelly hatte auch längst die Hoffnung aufgegeben, daß einer der Herren des Regiments Gnade vor Mamas Augen finden könnte. Sie hatte in ihren sechsundzwanzig Jahren und sieben durchtanzten Saisons gar manchen Flirt gehabt, und der eine oder andere war verflucht ernst geworden, aber im richtigen Augenblick war es Mama stets gelungen, den betreffenden Bewerber derart kopfscheu zu machen, daß er abschnappte.
Jedesmal, wenn ein Herr in entsprechenden Jahren, Hauptmann oder Oberleutnant, der noch zu haben war, von auswärts ins Regiment versetzt worden war, hatten der Vater und seine Älteste sich in geheimen Hoffnungen gewiegt, aber nie war's etwas geworden — und so exklusiv war der Verkehr des Regiments, daß Bewerber aus nicht militärischen Kreisen für eine ernsthafte Annäherung kaum in Frage kamen.
Molly, Mamas Ebenbild und getreue Schildhalterin, war bisher mit ihrem Schicksal vollkommen zufrieden geblieben — Nelly aber hatte sich allmählich in einen Zustand ständiger, latenter Empörung wider ihr Los hineingelebt.
Den unverbrauchten Energieüberschuß ihrer stählernen Leiblichkeit tobte sie in halsbrecherischen Ritten, stundenlangen Radpartien, endlosen Tennistournieren aus — ihre lebenshungrige Seele aber lag völlig brach.
Dies Gefühl der Inhaltslehre ihres Daseins preßte ihr oft in der Einsamkeit draußen — in schlummerlosen Nächten daheim — heiße, ächzende Tränengüsse ab.
Sie war verstummt. Den Kopf in den Nacken zurückgeworfen, spornte sie ihren Gaul, hielt ihn aber fest an der Kandare, daß er schäumend und kopfschleudernd nach rechts und links aussprang, ohne vom Fleck zu können.
Trüben Blicks verfolgte der Major das Tun seines Lieblings. — Ja, ja — so lagen sie alle drei an der Kandare — der Gaul, das Mädel und er selber auch.
Das war nun achtundzwanzig Jahre her, seit der junge, leichtsinnige Leutnant sich durch die Heirat mit der Tochter eines reichgewordenen, baronisierten niederrheinischen Großindustriellen aus dem chronischen Dalles herausgeholfen hatte, dem auch er verfallen war, wie seine ganze altfeudale Familie ... aber für diese Rettung hatten seine achtundzwanzig Ehejahre ihm die Quittung präsentiert ... Ein reiches Mädel heiraten! — Soll's der Deubel holen — den Drachen bekommt man gratis!
Der Major zog die Uhr. Es fiel ihm ein, daß er sich auf Punkt neun Uhr am Wegekreuz mit seinem Adjutanten, dem Leutnant Blowitz, verabredet hatte, um sich dort von seinen Töchtern zu trennen und zur Inspektion der Morgenarbeit seines Bataillons nach dem Exerzierplatz hinüberzureiten.