Hans Friesen merkte es nicht.
Wenige Tage nach Beginn der Übung hatten sich die Reserveoffiziere wieder vollständig im Regiment eingelebt, und jeder von ihnen suchte und fand seinen nähern Verkehr da, wohin sein Wesen ihn wies.
Hielt Professor Brassert sich an die ältern und friedlichern Elemente, so war der Referendar Dormagen der Mittelpunkt einer Gruppe, die nach dem Mittagessen stets endlos beim Skat zusammenhockte, abends auf der Kasinoterrasse einen Syphon Münchener nach dem andern vertilgte, Sonntag nachmittags beim Sekt kleben blieb und nachts gar häufig im Rauchzimmer beim Tempeln. Oder man zog auch Zivil an und suchte die Variétés oder noch verschwiegenere Orte nächtlicher Ergötzung auf. Dieser Gruppe schloß sich auch meist Herr Klocke an, den es nur grämte, daß er nicht so flott mit dem Gelde um sich werfen konnte wie der wohlhabende Jurist. Die Beliebtheit, die jener durch Ansetzen zahlloser »kalter Enten« sich zu verschaffen suchte, strebte er dadurch zu gewinnen, daß er freigebig von seinem unerschöpflichen Vorrat an zweideutigen Anekdoten spendierte oder seine schier unglaubliche Geschicklichkeit in Kartenkunststücken produzierte, was vor dem Verfahren seines Kameraden entschieden den Vorzug der Billigkeit hatte.
Wieder ein ganz anderer Kreis war es, dem sich der Forstassessor Troisdorf angeschlossen hatte. Man hätte ihn die Gruppe der Mißvergnügten nennen können. Ihm gehörten alle jene jungen Herren an, die es aus irgendeinem Grunde nicht verstanden hatten, sich die Gunst der höheren Vorgesetzten zu erringen. Es waren nicht nur die Schlechtesten im Regiment. Hier wurde unablässig geschimpft, auf die Vorgesetzten, auf die erfolgreichern Kameraden, die als Streber gebrandmarkt wurden, als Leute, die »über Leichen gingen«. Auch in diesem Kreise wurde scharf gezecht, aber mehr aus Wut und Enttäuschung denn aus Liebe zur Sache.
Frobenius war ziemlich allein geblieben. Unter den aktiven Offizieren hatte er keinerlei Anschluß gefunden. Man behandelte ihn mit korrekter Liebenswürdigkeit und beständiger höflicher Zurückhaltung. In der Öffentlichkeit vermied es jeder, sich mit ihm zu zeigen. Und freilich, ein Vergnügen war es auch nicht, an seiner Seite durch die Straßen der Garnison zu spazieren. Wo er ging, da geleitete ihn ein beständiges Schmunzeln auf allen Gesichtern der Passanten, die Straßenjugend rief ihm freche Bemerkungen nach, ja, es war, als ob selbst die Pferde und Hunde scheuten und stutzten, wenn sie die lange Gestalt im schwarzen Überrock aus der Zeit Albrechts des Bären einherwandeln sahen ...
Frobenius merkte das natürlich sehr wohl. Er wußte sehr gut, daß der größte Teil des ungünstigen Eindrucks, den er hervorrief, auf die Verfassung seiner Equipierung zurückzuführen sei, und ging lange mit sich zu Rate, ob er nicht doch seinem Herzen einen Stoß geben und sich von Kopf bis zu Füßen bei dem ersten Uniformschneider der Garnison neu einkleiden lassen solle. — Aber das hätte ihn wenigstens vierhundert Mark gekostet, und er hatte sich nun einmal, seinen bescheidenen Verhältnissen entsprechend, fest vorgenommen, bei den Neuanschaffungen für die Übung nicht über die hundertzwanzig Mark Equipierungsgelder hinauszugehen, die ihm zustanden. Die aber waren bereits für die inzwischen eingeführten Uniformänderungen sowie für Reithosen und Reitstiefel draufgegangen ...
So trotzte er denn weiter dem Schmunzeln des Straßenpublikums wie der Zurückhaltung seiner Kameraden.
Sein einziger außerdienstlicher Umgang war Flamberg. Und das entschädigte ihn vollkommen — in ihm verehrte er, der Kunstgelehrte, den schaffenden Künstler, wie dieser seinerseits in dem Kritiker den idealen Adressaten seiner Lebensarbeit. Gar manche Stunde verbrachten die beiden Gleichgesinnten im Café, in einer Weinstube drunten in der Stadt oder auf der Stube des einen oder des andern bei kaltem Abendbrot und Flaschenbier in ernstem Geplauder über die zeitbewegenden Fragen der Malerei ... der Dichtkunst ... der Kunst überhaupt.
Dennoch füllte dieser Umgang die Mußestunden des Privatdozenten nicht völlig aus; denn Flamberg legte Wert darauf, auch außerdienstlich viel mit den aktiven Kameraden zusammen zu sein. Es war sein Grundsatz, während der acht Wochen Übungszeit ganz und gar sich in einen Soldaten zu verwandeln, und so wußte er auch mit der ganzen proteischen Wandlungsfähigkeit seiner Künstlerseele sich der Sprache, den Umgangsformen, der Weltanschauung des Kreises anzupassen, welchem er für diese kurze Zeit durch den Rock angehörte, den er trug.