Sie maß ihn von Kopf zu Füßen.
»Es ist Leo! Dein Bruder!«
»Das weiß ich ohnehin, mein Fräulein! Aber ich hab' keine Zeit. Ich weiß nicht einmal genau, wo das Grab liegt: ich glaube, ich würde es gar nicht finden.«
»Das sind Ausreden.«
»Also, so sind's Ausreden! Ich mag einfach nicht. Mein Gott, was hat er denn von dem Kranz? Hätt' ihn Papa vernünftiger erzogen und ihm nicht so viel Freiheit gelassen, so wär' er vielleicht noch am Leben — mich laßt mit solchen Dingen in Ruhe.« —
Am Nachmittag fuhren Klaus Tiedemann und Hilde zu Leos frühem Grab.
Ein Riesenobelisk krönte dasselbe; die Trauerweiden hatten dürres Laub.
Mit starren Fingern richtete Klaus Tiedemann den Efeu, der sich im Gitter verflochten hatte. Mit liebevoller Hand strich er über den Rasen. In den Gruftlaternen flackerten die Lichter.
Der Gärtner hatte sie angezündet, er stand abseits und wartete auf sein Trinkgeld; man gab an solcher Stätte gern. Als er es erhalten hatte, schlenderte er davon, die langen Reihen hinunter, eine Blume hinter dem Ohr. Leise pfiff er vor sich hin — er war jung und dachte nicht ans Sterben.
Klaus Tiedemann hielt die Hände verschlungen und sah mit starrem Blick die eingemeißelten Buchstaben: »Da liegt der arme Bub.«