»Aber Papa!« Wieder richtete er sich heftig auf.
»Bleib nur ruhig! Ich glaub' dir ja ...«
Mit unsicherem Blick sah Leo auf seinen Vater. Es war Scham in ihm, daß er die Unwahrheit gesprochen, trotzdem ihm sein Vater vertraute, und doch sah er keinen anderen Ausweg.
»... Es ist mir gleich, ob du gestern früh oder spät nach Hause gekommen bist. Aber jedenfalls lumpst du zu viel. Deine Gesundheit verträgt das nicht.« Tiedemann suchte seiner Stimme Strenge zu geben und sich an Hildes und Clos Worte zu erinnern. »Du bist doch noch zu jung und hast genug Zeit, später alles mitzumachen; wenn du aber jetzt deine Nerven ruinierst, so leidest du dein ganzes Leben daran.«
»Ja, Papa, aber ...« Leo biß sich auf die Lippen und schwieg.
»Was ist denn? Rede, Leo; mit mir kannst du alles sprechen, wie mit einem alten Freund!« Tiedemann drückte ihm die Hand. Leo lächelte ihm dankbar zu. Dann sagte er mit schwerer Stimme:
»Du mußt mich für keinen Lumpen halten! Es ist etwas anderes ... Weißt du,« brach er mit stockendem Atem los, »was es ist? Das Leben! Es ist so groß und so reich, daß man immer nur wenig davon haben kann, wie alt man auch wird. Papa, wenn ich so denke, bekomme ich Riesenangst,« er ballte die Faust, »daß ich zu kurz komme und daß ich es nicht richtig anwende, und dann weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.«
»Du lieber Bub.« Der alte Mann war aufgestanden und küßte ihn auf den zuckenden Mund. »Das soll dir keine Sorge machen; das Leben wird einem noch mehr als genug. Wenn du einmal so alt bist wie ich, dann wirst du mir recht geben.«
»Wirklich, Papa?« Es klang wie freudige Angst aus den Worten.
»Gewiß, mein Kind.«