»Gewiß,« der alte Mann sah auf; er beeilte sich zu antworten, »aber wir haben dabei jeder doch auch unsere Sorgen und unsere Wünsche, die wir gern erfüllt sehen würden. Das Leben ist mal so, daß es nie alles gibt, und wenn, dann nimmt es dir gleich darauf wieder, viel mehr, als es dir gegeben hat.«
Mit großen Augen, in denen die Furcht vor dem Rätsel des Lebens stand, sah der Knabe seinen Vater an, der als Resultat eines langen, wie es ihn dünkte glücklichen Lebens keine anderen Worte fand. Leo benetzte seine trockenen Lippen und fragte hastig:
»Es muß aber doch etwas geben, das uns an der Erde festhält, sonst würden wir uns nicht so vorm Sterben fürchten? Erinnere dich nur, als es Mama so schlecht ging — wenige Stunden vor ihrem Tode — wie hat sie da geweint, daß sie fort müßte von uns allen und daß sie ihr Leben nicht besser genützt hätte.« Tiedemann erhob sich; er legte Leo die Hand auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen:
»Der Mensch ist feig, Leo, das ist's.« Tiedemann strich ihm das Haar aus der Stirn. »Darum glaubt er immer, es sei schade um ihn, wenn er stirbt, und es sind doch so viele bessere da. Ich habe auch geglaubt, ich sei fürs Geschäft unentbehrlich und habe manche Szene mit deiner Mutter deswegen gehabt, weil sie wollte, daß ich Fred an meine Stelle lasse; und schau, als ich es endlich getan hatte, da habe ich jeden Tag auf das Unglück gewartet, das nun über unser Haus kommen würde, — und es ist noch immer keines gekommen — und das Geschäft geht ruhig und gut weiter, gerade als ob ich es noch leiten würde.« Er senkte den Kopf, als schämte er sich seines Eingeständnisses und fuhr fort: »Nicht, daß ich es Fred gewünscht hätte, gewiß nicht; du weißt, wie gern ich euch alle habe — aber,« seine Stimme wurde heiser, »deiner Mutter hätte ich es vergönnt, weil sie stets gegen mich recht zu haben meinte — sie hat es bisher noch immer gehabt.« Er legte die geballte Faust auf das Knie und vergaß, daß er zu seinem Kinde redete.
»Ich habe mich gegen eure Erziehung gesträubt, aus Leibeskräften. Ich wollte euch einfacher haben; mehr Kinder, als »Söhne und Töchter«! Wäre es nach mir gegangen, ihr wäret nie in dem Gedanken aufgewachsen, daß ihr reich seid. Eure Mutter hat es anders gewollt. Ich habe mich gebangt und gesorgt um euch und ihr Vorstellungen gemacht. Sie hat mich stets ausgelacht und gesagt: ‚Das verstehst du nicht — und kannst es auch nicht verstehen.’ Und sie hat recht gehabt — ich stand ja den ganzen Tag im Geschäft.« Er schwieg und lächelte seinem Kinde hilflos, ermunternd zu: »So ist's mal im Leben.«
»Papa,« Leo umfing seinen Vater und küßte ihn, »es ist ja nichts Schlechtes aus uns geworden. Es ist eben jetzt eine andere Zeit.«
»Ja, schon recht,« hastig nahm Tiedemann seines Kindes Arm von seinem Hals, »nur eines noch, und das merk' dir fürs Leben, weil wir gerade darüber reden: heirate — wenn du mal so weit bist — nicht in eine andere Gesellschaftsschicht hinein als in die, in welcher du geboren bist.«
Mit fragenden Augen sah Leo ihn an.
»Alles läßt sich überbrücken und verwischen, nur das eine nicht! Du hast es dann stets vor Augen, daß du ein anderer bist. Und wenn du hundertmal das Haus erhältst und alles tust, du bleibst doch immer der Mindere. Da kommen die Verwandten und die Freunde deiner Frau und sehen dich als weniger an — selbst wenn sie selber Lumpen sind, du scheinst ihnen doch minder.«
»Clo hat doch auch in eine andere Gesellschaftsklasse geheiratet?«