»Du weißt, daß ich Schmuck nicht gern trage.«
Er sah unwillig zum Fenster hinaus und sagte: »Heute hättest du schon einen nehmen können, wo wir uns, seit mehr als Jahresfrist, das erstemal wieder zeigen. Solange wir Trauer um Mama trugen, ließ ich mir's gefallen, jetzt ist's Kaprize von dir!« Er ließ seine prüfenden Blicke weiter wandern, die gleich darauf bei seinem Vater eine schiefsitzende Krawatte entdeckten. Er richtete sie zurecht und fand dabei, daß Papa noch immer das schwarze Band als Uhrkette trug. Er griff hastig danach. »Das hättest du auch ablegen sollen; entweder oder: wenn wir von heute ab offiziell keine Trauer mehr tragen, so gehört sich das nicht mehr!«
»Ich werde es morgen weg tun, laß!« Klaus Tiedemann legte die Hand auf den Wagenschlag und blickte zu Leo: »Nicht wahr, du beherzigst, was ich dir sagte?«
»Ja,« mit verlorenen Augen sah Leo ihn einen Augenblick an, dann hielt der Wagen. Ein Strom geschwätziger Menschen umgab sie.
Mit nonchalanter Geberde nahm Fred Tiedemann seiner Schwester den Mantel ab und warf ihn dem Diener auf den Arm: »Sie warten beim Ausgang!«
Der Riesensaal war voll Menschen, bis hinauf zu den schwarzen Galerien. Auf dem Podium, das den Saal abschloß, stimmte das Orchester. Hunderte von Armen waren in lebhafter Bewegung.
Hilde neigte den Kopf, wie mit Blut übergossen: T. A. Hansen stand da und hatte sie gegrüßt. Für einen kurzen Augenblick hatten seine beweglichen Augen ruhig in den ihren geruht, dann wanderten sie weiter, über ihre Brüder hin, mit leichtem Spott.
Rechts und links grüßten Bekannte:
»Ich habe die Ehre, guten Abend,« und dazu lächelten alle Gesichter, die in wenigen Sekunden sich in ernste Falten legten, weil es die Sitte erforderte und man so über Kunst sprach ...