Ob sie wohl seine Kinder fanden? Was in seinen Kräften stand, gab er hinzu. Sie sollten haben, was ihm das Leben verwehrte!

Die Instrumente jubelten, die Stimmen jauchzten. »... Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt ...«

Ein Riß ging durchs menschliche Sein, den nichts überbrückte. Wer Großes wollte, wuchs aus seinem Kreis und nahm sich so die Kraft, die ihm bestimmt war, die stets zu wenig wurde. Tiedemanns suchender Blick blieb auf dem hageren, bleichen Gesicht eines Geigers hängen, einer kleinen, verkrüppelten Gestalt, an der nur die Augen lebten und flackerten. Er war glücklich in den Tönen, um, wenn das graue Einerlei ihn wieder umfing, noch unglücklicher zu sein. So war es auch Klaus Tiedemann ergangen:

Das Leben hatte ihn gehoben und ihm den Boden des Volkes geraubt, aus dem er gewachsen war. Und nun stand er zwischen zwei Schichten und gehörte keiner an: Sein Streben galt dem, was sein erbittertster Gegner gewesen, solange er jung war. Er stand vor verschlossenen Türen und wollte den Weg zurück nicht mehr gehen, weil er allzu steinig war, da er ihn wanderte, den Blick nach der Höhe gerichtet. Und die Türen vor ihm blieben verschlossen. Sein Leben ging zu Ende. Noch immer suchte er dessen Rätsel zu lösen. Gab Gott den Menschen die Erde, um glücklich zu sein? ...

»Komm Papa! Ich möchte dich noch der Baronin Wolny vorstellen.«

Fred Tiedemann rüttelte seinen Vater, der bewegungslos geblieben, als das Konzert zu Ende war, der noch immer so saß im halbleeren Saal. Tiedemann seufzte und stand auf. Eine alte Dame trocknete sich die Augen, in welche die Erinnerung ihres Lebens Tränen getrieben hatte. Sie gingen dem Ausgang zu. Hansen mußte schon weg sein. Hilde sah ihn nicht mehr. »Jedes Wort, das man nachher spricht, ist Entweihung«, hatte er einmal zu ihr gesagt.

»Oh, die Herrschaften gehen wieder in Gesellschaft?« Eine schöne Frau grüßte mit bezauberndem Lächeln: Brunn-Bennigsen, die Klaviervirtuosin, hatte der Tiedemanns Fernbleiben von ihren Veranstaltungen, durch vier leere Plätze in der ersten Reihe gut im Gedächtnis. »Aber übermorgen kommen Sie doch in mein Konzert?«

»Selbstverständlich.« Klaus Tiedemann verneigte sich, trotzdem sein Inneres anders sprach. Er wendete sich an seinen Sohn: »Fred, du mußt dich morgen gleich um Karten umsehen. Hoffentlich bekommen wir noch welche.«

»Ich denke schon!«

Ein öder Abend, der ihm nichts gab, stieg vor Tiedemann auf, in dem er Beifall klatschen mußte, weil es die anderen taten. Mechanisch verbeugte er sich bei der Verabschiedung, während Fred mißmutig zum Ausgang sah: