Sie hatte ihn wie leblos auf dem Boden liegend gefunden.

Wohl war er bald wieder zu sich gekommen und hatte sie gebeten, Papa und den anderen nichts zu sagen. Doch Hilde hatte nicht nachgegeben und darauf bestanden, daß der Arzt zu Rate gezogen würde.

Der schüttelte den Kopf und sagte zu Klaus Tiedemann, welcher mit ängstlichem Gesicht neben ihm stand: »Der Bursche ist rasch gewachsen und frühreif. Von Geburt aus ist er auch nicht der Stärkste, also ist Vorsicht am Platze. Vor allem halten Sie ihn zu Hause, und sehen Sie darauf, daß er genug Ruhe hat. Ich glaube, er hat schon zu viel an die Weiber gedacht.«

Klaus Tiedemann tat einen Blick auf die Straße, auf der gerade Gerhard in strotzender Gesundheit daherkam, und ging mit einem leichten Gefühl des Hasses zu Leo hinüber, um ihm seine Entschlüsse mitzuteilen.

Erstens: blieb von jetzt ab die Schlafzimmertür zu ihm offen, damit er alles hörte, was neben ihm vorging; darauf hatte ihn Hilde gebracht! Zweitens durfte Leo heuer nicht mehr abends ausgehen, weder in ein Theater noch in ein Konzert; natürlich war auch das Fest nächsten Sonnabend mit inbegriffen! Drittens: bat er ihn mit innigen Worten, verläßlich zu sein und sich zu schonen, auch nichts hinter seinem Rücken anzufangen, was seiner Gesundheit schaden könnte; dann gab er ihm einen Kuß und ging, um für ihn in der Stadt eine Ueberraschung zu kaufen.

Hilde war nicht so schnell beruhigt, weil sie Leos Art besser kannte und seinen wilden Trotz, der gerade das unternahm, was ihm am meisten widerraten wurde. Vor allem suchte sie zu erfahren, ob Leo schon öfter solche Schwächeanfälle gehabt hatte.

Erst hatte er lebhaft widersprochen; doch als er sah, daß diesmal sein Vater fest blieb und das Fest unwiderruflich für ihn verloren sei, gab er zu, bereits seit Monaten ähnliche Anfälle gehabt zu haben. Er hatte es verschwiegen, um sich seiner Freiheit nicht selbst zu berauben, und anderseits hatte er geglaubt, es würde von selbst vorübergehen. Sein Vater saß Stunden bei ihm, während er im Halbschlummer seiner Nervenschwäche vor sich hin stierte. Dieses Beisammensein erfuhr häßliche Unterbrechung, als das Schulzeugnis kam; es war mehr als schlecht und stellte überhaupt in Frage, ob Leo zur Schulprüfung zugelassen würde. In der kurzen Zeit bis zum Schulschluß ließ sich nicht mehr alles einholen, und jetzt, wo Leo wirklich der Ruhe bedurfte, war überhaupt nicht daran zu denken. Ein Jahr war lang und Klaus Tiedemann war schwer in seinem Sohne getroffen. Auch Fred war nicht glatt durch die Klippen des Mittelschulstudiums gekommen, aber Leo verlor nun schon das zweite Jahr. Was sollte man den Leuten sagen als Entschuldigung?

Die Professoren! Leo griff nach diesem Rettungsanker. Er wußte, daß Vater auf die Schulmeister, wie er sie nannte, nicht gut zu sprechen war; so erzählte er denn von Scheußlichkeiten und Verbrechen, die sie an der Jugend begangen haben sollten. Sogar erschossen hatte sich einer seiner Mitschüler.

Mit starren Augen hörte sein Vater zu, der seinerzeit nur die allernotwendigste Schulbildung genossen hatte; alles andere hatte er sich selbst im Leben angeeignet. So trug er begreifliche Mißachtung gegen zünftiges Lehrertum. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf und gab seinem Sohne recht. Mein Gott, ein Jahr, was war das; wenn ihm der Bursche nur wieder gesund wurde!

Er griff, um sein Kind zu beruhigen, zu dem gefährlichsten Mittel, das er für sich selbst nie und nimmer angewendet hätte: er stellte ihm vor, daß er reich sei, einmal soundso viel Vermögen bekäme, also wirklich keinen Grund hätte, sich zu kränken und zu härmen.