»Die Sache wird vorübergehen. Wie viele haben nicht schon in der Jugend einen Blutsturz gehabt und sind heute die stärksten Leute?« Der Arzt, der erst vor wenigen Monaten absolviert hatte und als armer Bauernsohn froh war, sich beim Rettungskorps seine Praxis holen zu dürfen, nickte ihm freundlich zu. »Dem Hausarzt, bitte, sagen Sie meine Beobachtungen.« Er verbeugte sich linkisch, der reichen Umgebung ungewohnt, und ging. Er hatte es nicht über sich gebracht, dem alten Manne zu sagen, bei wem und in was für einem Hause er seinen Sohn aufgefunden hatte.

Fred Tiedemann kam mit verschlafenen Augen aus seinem Zimmer und fragte ungehalten: »Was gibt's?«

Sein Vater gab keine Antwort.

Er sah an ihm vorbei zur Stiege, über welche der Hausarzt kam.

Der untersuchte lange und gründlich, dann schüttelte er dem Vater, der in tausend Aengsten vor der Tür gewartet hatte, die Hand: »Kopf hoch, Herr Tiedemann, es wird wieder werden! Der Junge hätte nicht lumpen sollen, ich habe es Ihnen ja gesagt. Er schläft jetzt, lassen Sie ihn ruhig. Ich sehe gegen Abend wieder her.« Er wendete sich zu Hilde: »Na, Fräulein, jetzt spielen Sie ein wenig Krankenschwester, wird Ihnen verflucht gut stehen.« Der alte Junggeselle lachte. »Nur nicht so verzagte Augen — ein Lump ist er halt, der Herr Bruder. Adieu!« Bei der Tür wendete er sich nochmals um: »Niemanden ins Zimmer lassen! Ja? Er muß ganz ruhig liegen bleiben, eine zweite Blutung verträgt er nicht.«

Hilde umfing ihren Vater.

»Ich nehme mich schon zusammen,« Tiedemann schluckte die Tränen hinunter und sah zu Leos Zimmer, »sieh nur, daß alles in Ordnung ist!«

»Ja, Papa ...«

Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. »Daß der Bub mir hat das antun müssen!« Er stützte den Kopf in die Hand und grübelte. Er kam aus den Sorgen nicht heraus:

Die Frau gestorben! Von dem, was vorausgegangen, wollte er nicht sprechen! Nun Leo, alles in einem kurzen Jahre!