Er schien froh, als sich die Tür hinter Fred schloß.
Er hatte immer geglaubt, mit den Seinen ein festes Ganzes zu bilden; nun, das erstemal, da er die Probe machte, stand er allein.
Es gab nichts, was Menschen auf ewig verband. Es war alles Trug! Die Ehe, die Liebe, die Freundschaft. Sie hielten nur zusammen, solange alles glatt ging; beim leisesten Windhauch floh das eine und ließ das andere allein. Wenn ihm sein Kind starb? Wer trug die Schuld? Die Eltern, die es ins Leben gesetzt? Er, der er zu schwach gewesen mit ihm? Oder niemand, und war alles nur blinder Zufall?
Er war schon über die Fünfzig, als Leo geboren wurde. Vielleicht hatte er ihm zu wenig Kraft gegeben? Ein hartes Leben lag hinter ihm; doch Klaus Tiedemann hatte stets seine Kinder zu stärken gesucht. Er hatte Individualitäten in ihnen gefunden, gleich, ob sie vorhanden gewesen waren oder nicht. Sie ließen sich nicht künstlich züchten. Dem Weibe hatte er die Eigenart geleugnet und gerade das schien sie zu haben: Hilde blieb bei ihm als Gefährte der ängstlichen Stunden ...
Sie saß ihm zur Seite und horchte mit ihm auf das kurze, schnelle Atmen Leos, das durch die angelehnte Tür drang.
Und wenn der Kranke sich drin bewegte, dann legte sie ihm die kühle Hand auf und streifte mit ihren heißen Lippen seine faltige Stirn, ehe sie nachsehen ging.
Der Sonntagnachmittag strich vorüber, still und lang; noch immer war Leo nicht aufgewacht.
In leisem Gespräche saßen Vater und Tochter:
»Dann muß er gleich nach dem Süden, auf längere Zeit, Papa! Mit dir; das wird dir auch gut tun.«