»Ich stand draußen. Bruder, nun kommt das Grübeln an dich. Kann sein, ich sterbe vor dir, söhnelos, und du mußt noch einmal in diese Kleider, und wärest du am Rande der Welt.«
»Nimmermehr!«
Welche Dinge bewegte dieser seltsame Mensch in seinem Herzen, welche Zukunft durchlief er im Geiste! Betrübt, erbittert dachte ich daran, wie es hätte sein können, wenn er früher meinen Kreis berührt hätte. Nie hatte mich einer so gepackt, ich fühlte, ich war wie ein Blinder durch das Leben getaumelt.
»Du denkst an Heirat,« fragte ich schüchtern.
Er nickte bejahend, in einer Handbewegung deutete er das Selbstverständliche an und setzte erläuternd hinzu:
»Wir dürfen nicht aussterben. Noch sind wir unverbraucht, was wenige Fürstengeschlechter von sich sagen können. Jedoch, Bruder, nun dämmert für uns beide der Abend, laß uns Abschied nehmen.«
Damit sprang er auf und schritt durch die dunkelnden Stämme auf mein Pferd zu, das an die Quelle gelaufen war, zäumte und sattelte es wie ein Marschalk. Darauf zog er die braune Schnur mit der Silbermünze aus der Tasche und hing sie mir um den Hals.
»Möge dir der Talisman Glück bringen, Bruder; es ist alles, was mir die Mutter hinterließ. Nun brauch ichs nimmer, und du bist an meiner Statt. Leb wohl! Dort nach Süden geht dein Weg. Die Rehkeulen sind im Ränzel, ein paar Zehrpfennige auch, und alles andere schenke dir Gott. Fahr in Frieden, Bruder!«
Er umarmte mich rasch, sprang ohne Bügel in den Sattel und verschwand in dem Abend, bevor ich zur Besinnung kam. Ich streckte die Hände aus, noch einmal mein Pferd zu berühren, noch einmal die Wärme des Tieres, das mich liebhatte, an meinem Leibe zu fühlen. Wie trunken schwankte ich auf der Stelle, ohne Willen nahm ich das verschabte Lederränzel auf den Rücken und schritt fürbaß, bis die Felder smaragden dämmernd vor mir lagen. Meine Füße klebten an der Scholle; so stark und ausdauernd ich auch war, ich kam kaum vom Fleck. Endlich hatte ich die Hügel hinter mir, ich war im fremden Lande, die abenteuernde Ferne breitete sich geheimnisvoll verschleiert vor mir aus.
Noch einmal sah ich hinter mich, vom Tale aus. Droben lag ein einsames Grenzgehöft und vor den Häusern ein wundersamer brauner Duft, wie ich ihn nie und nirgends wiederfand. Die Heimat grub sich durch eine seltsame Äußerung in mein verstörtes, wildes Herz; so trug ich sie mit mir ins Elend.