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Südwärts, südwärts, immer stieß mich die Faust Gottes. Fünf, sechs Stunden Schlaf, und weiter! Meine Glieder hingen an unsichtbaren, eisenstarken Seilen der Ewigkeit, ich trieb ohne Willen durch Armut, Not, Hunger und Demütigung. Vor dem Ärgsten schützten mich Kutte und Pilgerhut, doch in die Klöster traute ich mich nicht, trotz der Zeugnisse im Ränzel, trotz des Meßbuches, das ich auswendig wußte. Ich schritt und schritt, ein langer, abgemagerter Mensch mit hohlen Augen und verwildertem Bart, die Füße mit Zellen und Sehnen umhüllt, den Wanderstab mit scharfer Eisenspitze wie eine Lanze auf der Schulter. Das Zutrauen zu mir selbst wuchs nicht, aber das in die Leichtgläubigkeit der Menschen, und so schien ich unverdächtig, wohin ich auch kam. Meine Stimme, des Befehlens entwöhnt, kannte ich kaum noch, sie klang von unten her, rauh und traurig zugleich; aber ich brauchte nie viel zu sagen, meist genügte die wortlos ausgestreckte Hand. Wo die Wälder dicht und dunkel waren, schlich ich dem Wilde nach; das war all meine karge Freude – ich kann sie nicht bereuen.

Mein Herz blutete sehnsüchtig nach Genossen, gleichwohl ging ich allen aus dem Wege, die meine Straße fuhren; nie war ich so einsam gewesen. Die stummen Dinge der Landschaft wurden mir vertraut, sprachen, unterhielten mich; ich war in einer neuen, leidenschaftslosen Welt, die nichts von Schuld und Unschuld wußte. Der Vogel fraß seinen Wurm, die Wildkatze griff den Vogel, verreckte irgendwo im Walde, vermoderte wurmdurchwühlt, grell schossen Honigblüten aus ihrem Leibe – Gottes Kreise, Gottes ewige Gesetze, unbefleckt von grübelnden Menschenhirnen, Menschenangst, Menschenhaß.

Und Menschenliebe. Durch die strömenden Regennächte trug ich das Bild meines Weibes vor mir her, alle Stunden unseres gemeinsamen Erlebens wob ich zu einem Teppich und sorgte, nicht ein Fädchen zu vergessen.

Hoftag zu Reims. Wir standen einander abgekehrt, hatten uns nie gesehen, kaum voneinander gehört. Wir wandten uns um, als ob ein Wille uns beherrschte, sahen – und erstaunten nicht. Die Luft zwischen uns zitterte von Staub und Sonnenschein, uns schien sie süß und kühl und rein, wir durchschritten sie wie auf Flügeln und gaben uns beide Hände. Bis das Gelächter der Herren und Frauen uns auf die Erde riß und ihre Wangen mit Blut überflutete. Nie hatte ich solcher Art ein Weib betrachtet; keine Leidenschaft bebte in mir, meine Augen entkleideten sie nicht schamlos wie die anderen, von ihrer süßen Schönheit sah ich nichts. Ich wußte nur, sie war mein, und ich gehörte ihr. Wir waren eins, Gott hatte sie für mich erschaffen.

Und ich warf sie – Gott, mein Gott! So allgewaltig kann keine Liebe sein, um solches zu verzeihen, auch deine nicht. Nie werde ich erlöst, nie werde ich neben ihr im süßen Himmel wandeln. Grübeln und Grübeln. Vielleicht gestattet mir Gott, sie aus dem Höllenpfuhl von weitem zu betrachten, vielleicht – nach einem Leben voller Buße, Tapferkeit, Demut. Ich rang im Gebet, ich wanderte, wanderte, schlief traumlos wie ein Toter, ermattete meine Manneskraft, die neben allem gierig und wach den Weibern im Felde zuschaute, ward inwendig, was ich außen galt: ein Mönch, ein Pilgrim nach dem Grabe Christi; aber einer mit Dämonen und höllischen Flammen in der Brust.

Erst als ich die Eisgipfel der Alpen sah, ergriff mich Wanderlust, golden winkte die blaue Ferne. Der alte Leichtsinn entführte mich im Sturm in das Sonnenland hinter den Bergen, ich empfand mein Losgebundensein als Freiheit und hatte Augenblicke, da mein Herz jubelte; zwar schnell und hart gedämpft, aber doch tief geheim geduldet und geliebt. Der Hafen – ich wußte nicht einmal, welcher – war ein Markstein meines Weges. Marksteine sind tröstlich, auch die auf unendlichen Pfaden.

In Genua sank mir der Mut. In meiner Heimat, auch am englischen und französischen Hofe, war von Lust und Prunk der Kreuzzüge hin und her geredet worden. Was ich hier erlebte, ließ mich erstarren. Ein schmutziges Lager johlender, bettelnder Männer, Weiber und Kinder zog sich vom Hafen über die Hügel bis weit vor die Stadt – Pilger, Handeltreibende, Gauner, Abenteurer, geschäftig durchrannt von Krämern aller Länder, Juden, Schiffsmaklern, Geistlichen, Heimkehrern – falschen und echten – ein Schwarm von Opfern, Spitzbuben und Nichtstuern.