Riesige Galeeren lagen im Hafen, faßten anderthalbtausend Menschen in ungeschlachten Bäuchen, verfrachteten die Elenden wie Vieh zu kreischenden Bündeln in das Land Christi, das droben, im Norden, aller Heil schien und aller Sehnsucht war. Sie duldeten alles, diese flachshaarigen Pilger aus Deutschland, Flandern, der Normandie. Sie gruben ihre Heller aus den schlottrigen Beuteln, um im Wüstensande verderben zu dürfen. Ach, sie träumten von einem Paradiese, von blühenden Gärten, von fronloser Zeit. Genua, Venedig, Juden, Templerorden – alle verdienten am heiligen Grabe, am heiligen Kriege. Die Kreuzzüge waren ein riesenhaftes Geschäft geworden, ein Schacher, der mit grausiger Offenheit betrieben wurde.

Unerfahren, beschwerten Gemüts bestaunte ich das bunte Wirrsal. Nach drei Tagen war ich in das Gröbste eingeweiht und um manchen schönen Traum ärmer, an Erfahrung weiser denn die ältesten Leute meines harmlosen Vaterlandes. Pest und Aussatz lagen unter den schmutzigen und unter den gepflegten Häuten, und über all dem der wolkenlose, endlos tiefe Himmel, die lachende Sonne Italiens; ringsum ein Reifen und Blühen, fern der wogende Saphir des herrlichsten Meeres, darauf die Segel wie riesenhafte Möwen schaukelten. Da ich Herzog war – wie lange dünkte mich diese Zeit vorüber! – hatten mich die Nöte meines Volkes nicht gekümmert, sorglos genoß ich und achtete nicht, ob einer darbte. Jetzt brannte mir für die Fremden das verwandelte Herz. Guten Glaubens hatten diese Bauern ihre Scholle verlassen und das Kreuz auf ihren Rock geheftet, ihnen war der Himmel auf Erden versprochen worden. Nun gaben sie ihr letztes Geld für die Überfahrt oder mußten sich zu langen Frondiensten an die verpflichten, welche ihnen einen Platz auf Deck verschafften.

Ich selbst wußte nicht, wie ich mich durchschlagen sollte. Makler aller Stämme bedrängten mich, aber der billigste Platz überstieg meine ärmlichen Pfennige. Zum erstenmal erfuhr ich den Wert einer Mark Silbers und wünschte, einen Griff in meine herzoglichen Truhen tun zu dürfen, doch das war auf immer dahin. Da ich den üblen Bettel hier nicht mitmachen konnte, kaufte ich für den Rest meines Geldes Brot und Speck genug für eine Woche, schlief am Strande und teilte meinen Vorrat sparsam ein. Ich, der ich ehemals mit verschwendender Hand begabte, wer mir in den Weg lief, wies den Hunger von mir, so hohläugig er mich anstarrte, und verhärtete mein Herz, bis es blutete. Tagsüber stand ich an den Schiffsländen und sah den Frachten zu, betäubt von dem bunten Gemisch des Überflusses und des Mangels, zerrissen von dem vielfältigen Schrei der schönen und häßlichen Sehnsüchte um mich her.

Endlich nahm ich, müde des Elends, die Wanderung wieder auf, südwärts immer, gen Amalfi, dazu mir ein friesischer Schiffer geraten. Die Rast in Genua war mir gut angeschlagen, trotz allem, und als ich die Gärten der Stadt hinter mir hatte, begann ich aufs neue zu hoffen. Die übermütige Fruchtbarkeit der Landschaft gab mir ein Gefühl von Schutz und Geborgensein, dies Land war von Segen wahrhaft überflutet und ließ jedem das nackte Leben. Es gab wieder Gastlichkeit, da im menschenleeren Felde keine Bettler traubengleich aneinanderhingen wie in Genua. Ängstlich mied ich die Städte, selbst Neapel ließ ich zu meiner Rechten liegen und klomm über die unwirtlichen Gebirge an das Ziel.

Bei brüllendem Unwetter, triefend vor Nässe, dampfend in der Schwüle erreichte ich Amalfi, das wie ausgestorben dalag, trotz des gefüllten Hafens, denn die Schauer jagten sich, Blitze fegten von den dunklen Bergwänden in das tosende Meer, alles Menschliche verkroch sich in den Häusern. Ich drückte mich in eine Herberge, froh der Leere in den Gassen, aber innen wurde ich gewahr, daß hier das Elend und der Ansturm der Pilger nicht minder groß waren als in Genua. Beim ersten Anzeichen blauenden Himmels schritt ich beklommen ins Freie und tat mich am Hafen um, ob nicht wer einen Ruderknecht brauche, aber alle wiesen mich ab, mit hochgezogenen Brauen und spöttischem Gesicht über mein geistlich Gewand, das zu arbeiten begehrte.

»Geh ins Kloster, Mönch!« bedeutete mich einer im schlechten Französisch der Provence, »was nimmst du den Armen das Brot? Der Prior gibt dir, wessen du bedarfst.«

Der Mann hatte recht, aber ich wagte nicht, seinen Rat zu befolgen, der Mönch Ronald war noch zu jung in der Kutte. Wie in Genua stand ich und starrte auf die Schiffe, auf das Wunder hoffend. Eine lübische Kogge war zum Auslaufen bereit, klein, zierlich, sauber wiegte sie sich ein wenig abseits auf dem blauen Spiegel. Jetzt löste sich ein Boot von ihr ab und ruderte auf mich zu, der ich an der Lände stand. Ein Ritter, sichtbar ein Deutscher, schlicht, jung und bieder, sprang ans Ufer und half seinem Gemahl. Sie schritten dicht an mir vorüber zu den Krämerläden, die bis in die halbe Nacht geöffnet waren, traten bald wieder hervor und lehnten an der Hafenbrüstung, Arm in Arm, über die Wasser nach den emporglimmenden Sternen schauend. Mir berührte es das Herz absonderlich weh, ich dachte jener, die nun die Erde deckte, die ehemals lieb und traut an meiner Schulter lehnte.

Was mochte das Schicksal dieser beiden sein? Warum ließen sie die Heimat? – Sie gaben mir keine Zeit, dem nachzudenken, zögernd wandten sie sich und kehrten zu ihrem Boot zurück.

Ihr Weg führte an mir vorüber. Von weitem sah ich die Frau, hoch, blond, ein schönes, trauriges Gesicht mit großen, seltsamen Augen. Wenige Schritte vor mir schaute sie auf, ihre Blicke trafen mich, und nie sah ich in einem menschlichen Antlitz solch tiefes, wehrloses Sichergeben in ein Schicksal. Sie fuhr mit der Hand an ihr Herz und neigte still den Kopf.