Die Schritte verhallten, das Gelächter zerstob. Die roten Blütenblätter der Rose »Frau Aleit« erstarben in meinen mörderischen Händen, wollüstig gruben sich die Dornen in mein Blut.

Die heuchlerische Larve meiner Demut und Buße fiel jäh von meinem Antlitz. Das Glück, kein Mörder zu sein, ließ mich nicht jubeln, nein, ich schrie wie ein wildes Tier zum Himmel auf, daß Gott und Schicksal mich betrogen hätten. Nichts Edles war mehr in mir, mit glühenden Zangen folterten mich Eifersucht, Haß, Neid – alle dunklen Triebe meines Herzens. Die Stille meines Lebens ward von einem Gebrüll zerrissen, das mir jetzt noch in beschämten Ohren klingt. Im rasenden Gehirn erwürgte ich mein Spiegelbild, mein Selbst, den Mann, der meine Züge trug, in dessen Adern Blut von meinem Blute floß, erwürgte ihn mit einer kalten, hemmungslosen Lust am Morden, sah seine hervorquellenden Augen, hörte das Brechen der Wirbel und lachte, lachte – dieweil mein eigener Leichnam in meinen verkrampften Fäusten lag.

Rache! Was tat ich dir, Gott der Liebe! War meine Schuld an dich so riesengroß, daß sie solche Strafe verdiente? O ich Narr der Narren! Ein Kind war da, ein Erbe – ein Wählingerblut! Ein Bastard vom Bastard – Herrgott, wo blieb deine Güte, von der deine Diener so viel Aufhebens machen? Und Nacht um Nacht ergibt sie ihre weißen Glieder dem Landstreicher, ahnungslos, liebend, voll von ihrer keuschen Leidenschaft – oder – oder wissend und vom guten Tausch beseligt?

Irrsinnig lachend saß ich in meinen Blumen, Arme voll Rosen riß ich an die Brust und badete mein Gesicht in Dornen und Blüten und Blut aus hundert kleinen Wunden. Narr! Tölpel! Von Gott und den Menschen verraten, betrogen, bestohlen! Räche dich! Der Fluch der Lächerlichkeit betäubte mich, meine Eitelkeit ertrug das Leben nicht mehr. Eitelkeit stachelte die Gedanken zu wirren Sprüngen: Beweise dich, zeige dich, du echtes, gerechtes Wählingerblut, gezeugt vom echten Stamme im Bett einer Königstochter, nicht hinter der Hecke mit Kebsen und Dirnen, getragen in Unlust, geboren in Schande, erzogen zum Betrug – zum – wie sagte der Franzose? – zum vornehmsten Ritter der Christenheit. Mein Herr Heckenbruder, wir rechnen ab! Wie schlau, ein bißchen zu schlau hast du deine Fäden gezogen, deine Netze gestellt, aber bist du auch ein Riese an Kraft wie ich, mit diesen eisernen Arbeitsfäusten erwürge ich dich, und wärest du außen und innen aus Erz.

Die Vesperglocke läutete dünn über die Büsche, ich achtete sie nicht. Jäh floß der kühle Hauch der Nacht um mich her, ich fühlte keine Hitze, keine Kälte; starrte haßerfüllt in die glänzenden Sterne, die über meiner zerbrochenen, gestohlenen Liebe schienen. Zwei Jahre lang, Tag um Tag, hatte ich diesen Mann gesegnet, der meine Tat und meinen Namen trug; indes er in den Wonnen des Paradieses schwelgte, seufzte ich in der heißen Sonne Palästinas, Knechtsdienste verrichtend, Knechtsbrot essend, der größte und törichtste aller Narren, die je von ihrem heimatlichen Herde liefen.

Niemand suchte mich, wahrscheinlich saßen die Genossen bei den Gästen und hörten voll Sehnsucht und Heimweh die Erzählungen aus dem alten Lande an. Ich wollte keine lebendige Seele sehen, und Gott war in meiner Brust erloschen wie eine Flamme ohne Nahrung. Blut rann mir vor den Augen; im Blute dessen, der mir Weib und Land raubte, mußte ich mein Leid ersäufen, anders starb es nie. In diesen Vorstellungen erlangte ich, merkwürdig genug, eine gewisse Ruhe; ein Entschluß war gefaßt, ich hielt mich bereit. Leise schlich ich durch die Gartenanlagen an die Siedlung, willens, noch vor Tag mein Ränzel zu schnüren und mit dem frühesten nach Akkon aufzubrechen; aber ich fand zu meiner Überraschung den Saal von Fackeln erleuchtet und dröhnend von Worten und Waffen. Abermals, mitten in der Nacht, waren Gäste angekommen, bis in den Hof standen die Knechte, und über die weinheißen Köpfe flatterte ein erlösendes Wort: Krieg.

Dunkles Walten stieß mich in das Gewühl, ich drängte mich durch die Fremden in die Halle, Freunde sahen mich, Meister Otfried rief mich zu sich und sprach mit hellen Augen:

»Bruder Ronald, zieh dein Priesterkleid an. Über vielen steht der Tod, und sie sollen getröstet einfahren in das himmlische Reich. Saladin stößt auf Askalon, der von Chatillon läßt uns aufrufen. Oder halten dich deine Rosen?«

»Nein!« sagte ich unter brünstigem Frohlocken, Blut schwamm mir vor den Augen. »Aber gönnt mir ein Schwert statt der Kutte. Gott findet die Seinen auch ohne mich.«

Meister Otfried runzelte lachend die Stirn; die fremden Herren neben ihm, die unsere Reden hörten, lächelten spöttisch. Ich sah sie an, eiskalt war mein Hirn, Verachtung und Hochmut in allen Poren beugte ich mich, packte mit der Faust einen der schweren Eichensessel, darauf ein Ritter in voller Wehre saß, hob ihn gestreckten Armes über den Tisch und ließ ihn langsam zwischen die Schüsseln und Becher nieder, ohne anzustoßen, ohne Geräusch. Viele sahen es und gafften mit verschlagenem Munde, ich aber, der ich dies Kunststück hundertmal in meiner Heimat trunken und prahlerisch vollführt hatte, ward inne, daß meine mächtige Kraft noch gewachsen war, und das Herz schrie mir vor Stolz und Nachsucht in der verschwiegenen Brust. So werde ich ihn erwürgen, den Bastard, und sein rotes Blut wird über meinen nackten Arm laufen, den Knechtsarbeit bräunte um seinetwillen.