Dann endlich kam der siebente Tag.

»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten an, und der Weise lächelte verstehend.

»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie, wenn unsere Rechnung richtig ist und deine Wunden es gestatten.«

Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste mit geschickten Händen den Verband. Neugierig hob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick ineinander; erst allmählich gewöhnte es sich zu seinem Dienst. Ich versuchte einige Worte, aber sie klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen waren wie von Nadeln zusammengekrampft, von den Schläfen zum Kinn schien eine stachelbesetzte Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und deutete ihm, den Spiegel zu reichen.

Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein Träumender stierte ich in ein Gesicht, das nicht mehr menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu nennen war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die fleischigen Teile zerfetzt und nur ein blauroter Stumpf mit blutverklebten Löchern, die Wangen verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur furchtbare Wunden mit schlecht verharschten Rändern. Ein Wunder, daß Mund und Augen auf diesem Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur mit Mühe die Worte bilden konnten. Daß einige Zähne fehlten, merkte ich erst später, der Mangel des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf.

»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft. »Kurz ist der Erdentag, du wechselst ihn wie ein Gewand oder wie bestaubte Reiseschuhe. Möge dein nächstes Leben reicher geschmückt sein!«

Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen. Meine Augen füllten sich vor Leid: nie wird die Kleine mich ansehen, nie mich lieben können, so grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als ihr Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das Laken bis zur Augenhöhe über mein zerrissenes Gesicht, und das Herz bebte mir wie einem Buben in erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs neben ihr, und schon standen die beiden an der Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu Boden. Der Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der Hand, die goldene Scheide war mit den herrlichsten Farben ausgelassen, der Griff funkelte von Steinen. Er legte ihn auf mein Bett und sagte:

»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit und sei fortan mein Freund, mein Bruder.«

Er hob das Kind, das ich nicht aus den Augen ließ, vor mein Gesicht, und die kühlen, süßen Kinderlippen berührten meine Stirn.

»Hab Dank, du tapferer Christ!« läutete das feine Stimmchen in einem wunderlichen Deutsch. Ich lächelte vor Glück, aber sie sah es gottlob nicht, denn mein verstümmeltes Lachen mußte einen schrecklichen Anblick gewähren. Der Emir deckte einmal flüchtig das Tuch auf, eine Wolke flog über seine Stirn, er wandte sich schweigend ab.