»Die Lingua Franca floß wie ein silbernes Bächlein von ihren feinen Lippen; für mich, für mich hatte sie die Worte gelernt. Und seit Ewigkeiten war unser Leben verbunden, würde es für Ewigkeiten sein! Mohammed, stiege er aus seinem himmlischen Glanze nieder und belehrte mich eines anderen, Mohammed hätte einen Tauben und Ungläubigen gefunden.

»›Das ist ein strahlend schönes Wunder,‹ versetzte ich leise, doch sie: ›Du magst es so nennen. Aber das ist dir kein Wunder, nach der kurzen Spanne eines armseligen Erdenlebens mit den ewigen Freuden im himmlischen Saal belohnt zu werden! Wie kannst du an Ewigkeit glauben, wenn du nicht selber ein Stück von ihr bist, und wo ist da Anfang und Ende? Dies irdische Gewand ist nichts als das wechselnde, gebrechliche Gefäß für deine Unsterblichkeit, aus Staub geboren, zu Staub verloren. Emir Jussuf‹ – ihre Stimme klang wie goldener Harfensang – ›du meinst, du dürstetest nach meinem vergänglichen Leibe, weil er dich vielleicht schön dünkt und deine Sinne reizt, aber ich sage dir, es steht besser mit uns, denn unsere Seelen kennen einander.‹

»Es durchschauerte mich, als hätte Gott mich berührt. Ich glaubte in einer kristallenen Kuppel zu weilen, klar bis in die letzten Tiefen sah mich die Unsterblichkeit an. Eine junge Sonne ging über meinem Leben auf, die dumpfe Schwüle irdischer Lust und Leiden löste sich und gab einer Reinheit Raum, die mich gleich einem lebendigen Quell durchströmte und erneuerte. Ein Wort der Offenbarung hob mich aus meiner starren Einsamkeit, nie wieder blieb ich allein. Und plötzlich ein Argwohn: ›Was hätten wir miteinander gemein? Du, die Christin, ich –‹

»Ihr helles, gedämpftes Lachen fiel mir in die Rede: ›Vor Christen, Moslem und Juden war Gott mit zahllosen Namen, und ehe du diese braune Haut und diese dunklen Haare hattest, sind wir beiden weiß und blond und blauäugig von den Nordmeeren in diese heiße Sonne gefahren – Geschwister vielleicht, vielleicht auch Mann und Weib, gewißlich aber einander vertraut und lieb und eines Blutes. Fällt dir der Glaube so schwer, Emir Jussuf?‹ fügte sie schelmisch bei.

»›Es muß so sein,‹ gab ich zu, überwältigt von der Erinnerung an unser erstes Begegnen in Damaskus, das nun auch mir ein Wiedersehen gewesen zu sein schien. ›Doch sage, wie liebst du mich heut?‹

»Ich harrte auf ihre Antwort wie auf Gottes Gericht; sie wiegte ernsthaft den feinen Kopf und errötete zart. Ich weiß nicht, Ronald, ob du ihre Stimme in deinem Gedächtnis bewahrt hast, sie klang warm wie ferne, schöne Glocken und kannte kein Arg.

»›Darüber grüble ich jetzt nicht,‹ sagte sie leise, ›mein Gemüt ist verwirrt von dem Vielen, das es in kurzen Monden erduldete. Laß mir Zeit und bleibe mein Freund, Jussuf; ein Jahr wiegt leicht auf unserem langen Wege.‹

»Die Art des Abendlandes, daß Frauen und Männer freundschaftlich nebeneinander hergehen, war mir noch zu wenig geläufig, daß ich sie nicht erschrocken fragte, ob sie mir ihren Anblick entziehen wolle. Und sie, munter und zwanglos: Warum sie solches tun solle? Wenn ich sie nicht mit unerfüllbaren Wünschen plage, wisse sie nichts Lieberes, als in meinem Palaste zu weilen. ›Im Palaste,‹ bedeutete sie mich und wies mit ernsten Brauen auf das Frauenhaus; ›du kannst nicht wollen, daß ich in der Schande untertauche.‹

»Die Schläfen klopften mir vor Scham, in meinem Herzen beschloß ich sogleich, den Harem und seine Völkerschaften auszutilgen, und dies, da es Tat ward, war mein erstes Geschenk an sie, das sie vor Freude erröten machte. Es war zugleich der sichtbare Abschluß einer stinkenden Vergangenheit, und so bewegte die fremde Frau mein ganzes weites Reich zum Guten. Aus den demütig ängstlichen Gesichtern um mich her wurden vertrauende und fröhliche, der Wohlstand im Lande hob sich mit der Abnahme meiner maßlosen Verschwendung; und ich entbehrte nichts. Statt in schwüler Liebe weitete ich meine Brust in dem süßen, kühlen Odem der Nordlandmeere, von denen sie mir sprach, und fremd aller Leidenschaft wuchsen wir zusammen, sie, ich und das sprossende Kind in ihrem reinen Leibe.«

Jussuf verstummte; ich weiß nicht, wie ich die Kraft fand, ihn trockenen Auges zu betrachten. Mein Herz floß in Tränen über, so stark überwältigte mich die Erinnerung an mein verwandtes, ach, allzu verwandtes Geschick. Nur daß sich hier Seelen trafen, indes mich der Engel mit dem Flammenschwerte aus dem Paradiese stieß. Jetzt verschattete sich sein eben noch verklärtes Antlitz, und mit dunkler Stimme nahm er seine Erzählung wieder auf: