»In diesem halben Jahr gewann ich die Schätze der Erde, um endlich doch mit leerer Hand und leerem Herzen an einem Grabe zu stehen. Sie, die viel voraussah, hatte ihr eigenes Ende nicht erschaut, denn wie hätte sie sonst diese heitere, wolkenlose Ruhe bewahren können. Mit heftigen Schmerzen traten die Wehen lange vor der Geburt auf, das Kind beschrie den Tag, die Mutter sank in Nacht. Sie schleppte sich noch einen vollen Mond durch ihre Qualen und genoß, den Tod im Herzen, die Freuden der Mutter, wie ein Verdurstender den endlichen Trank. Da sie heimging, noch bis zuletzt von Schmerzen gepeinigt, sprach sie, seltsam zu ihren ersten Worten an mich findend: ›Es ist uns nicht beschieden, Jussuf. Vielleicht, nein, gewißlich, treffen wir einander später unter besseren Sternen. Jetzt scheint das Kind dein Schicksal zu werden; halt es fest, mein lieber, lieber Freund!‹ Sie zog meinen Kopf mit ihren schwachen Händen nieder und küßte mich zum ersten- und zum letztenmal. Sie war befreit. Du bist Mönch, Ronald, und kannst nicht ermessen, was es heißt, die Liebste zu verlieren –«
Hierbei fühle ich noch heute, wie das Blut mir in die gespannten Wundennarben drang und mein Gesicht mit tausend Martern zerriß. Der Emir ahnte nicht, auf welch harte Folterbank er mich schnallte, und wie jedes seiner Worte ein Geißelhieb auf blutige Striemen war. Dennoch lauschte ich ihm gierig und gewann in aller Verzweiflung Trost in seinem Schmerz.
»Ich war nahe daran, mich hinterdrein in die dunkle Pforte zu stürzen, aber der lächelnde Friede ihrer Züge bannte mich auf die Erde, wo Aufgaben meiner harrten, Aufgaben aus ihrer lieben Hand. Das Kind wurde all mein Glück, und das Kind wird mein Schicksal.«
Wieder stockte seine Rede, aber die Stirn entwölkte sich, er sah versonnen, fast heiter aus, als verschwiege er noch ein Letztes, Schönstes.
»Nannte die Mutter ihr Kind Sobeide?« fragte ich, mich gewaltsam ablenkend.
»Nein. Sie gab ihm einen traurigen deutschen Namen, den ich zu verschweigen bitte, sie nannte es Herzeleide. Es war dies, glaube ich, eine Laune ihrer peinvollen Krankheit, und sie nickte mir freundlich Gewährung, als ich es für meinen Teil Sobeide rief. Jedoch – was fragst du nicht nach dir selbst? Du weißt, daß sie die Gabe der Weissagung besaß, obzwar mehr in Gefühlen und dunklen Bildern als in voller Klarheit. Eines Tags, ihrem irdischen Ende nahe, sagte sie von dir, du würdest mir den größten Dienst erweisen. Ich wunderte mich dessen, da ich annahm, du seiest sicherlich ertrunken; sie aber lächelte nach ihrer Art und deutete: ›Deine Lanze wird ihn treffen, aber nicht verwunden.‹ Dies ist mir geschehen, Ronald, jedoch ahnte ich den Priester nicht unter Helm und Kettenhemd und glaubte, nicht einmal nach deinem Namen fragend, an einen Zufall, bis Gott mich eines Besseren belehrte. Immerhin folgte ich einem zwingenden Triebe, daß ich dich mit nach Bachara nahm, denn seit Sobeidens erster Amme hatte ich keine christlichen Sklaven um mich geduldet. Nun hast du mir den größten Dienst geleistet, den mir ein Irdischer tun kann; du hast die vor einem entsetzlichen Tode bewahrt, die für mich wächst und die ich einstmals heimzuführen gedenke. Und nun genug. Ein Imbiß wartet deiner, und meiner warten die Geschäfte, die du, bist du genesen, brüderlich mit mir teilen sollst, wenn du nicht wieder in dein Abendland fahren willst.«
Er rührte mit der Hand an die Waffe auf meiner Decke und schloß:
»Ein Säbel ist ein merkwürdig Geschenk für einen Mönchen; doch siehe, er fiel von der Wand, als ich die Schatzkammer betrat, und ich nahm den Wink für eine Wahl. Wer weiß, wozu?«
Rasch entschwand er, verwirrt und verlegen, und noch mehr Verwirrung und Erstaunen ließ er zurück.